OBRIGADA

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Wir danken allen, die in den drei Jahren Anteil an diesem Blog hatten und uns mit ihren Kommentaren immer wieder neuen Mut und Freude gegeben haben, einfach weil wir wussten: Ihr begleitet uns und wir sind nicht allein!

Ich fand es ganz oft schwierig, von den extremen Unterschieden zu berichten. Zum Beispiel wenn bei euch fieser, kalter Winter war und wir bei 35°C geschwitzt haben und die schwüle Hitze verfluchen wollten. Ein lustiger Mann schrieb einmal:

„Warum um Himmels Willen stellen Sie auf Ihre Seite lauter hübsche Bilder, wo die Sonne scheint, das Meer blau ist, die Menschen entweder Sonnenbrand haben oder anderen Brand löschen? Was meinen Sie wohl wie das bei Leuten ankommt, die 6 Stunden Tageslicht haben, eine Schneewelle wie in den 80er Jahren und die Wischwaschanlage im Auto ständig eingefroren ist, wenn man sie dringend braucht? Was meinen Sie wohl?“ 😉

Oder wenn es uns richtig schlecht ging, wir Heimweh hatten und Köln vermissten. Da dachten vielleicht manche, wir hätten ja einfach in Deutschland bleiben können? Oder wir müssten doch per Se DAS Superleben haben im herrlichen immergrünen Brasilien mit Caipirinhas und Sonnenschein und Faulenzen den ganzen Tag? Und keinen Grund, uns über irgendwas zu beschweren?

Nun, ich hoffe, dieser Blog konnte ein Bild unseres echten Lebens vermitteln und einen authentischen, vielleicht etwas anderen Blick auf den Alltag im Ausland werfen! Zumindest war das die Idee, die mir extrem viel Freude gemacht hat und nun 214 Artikel lang geworden ist!

Obrigada e até logo! Pe & Jo

3 JAHRE SÃO PAULO

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Wenn uns jemand vorher erzählt hätte, was wir in dieser Zeit alles erleben werden und vor allem, was diese Zeit mit uns macht, hätten wir wahrscheinlich kurz gezögert, als es damals darum ging: Ausland oder nicht. Und es vermutlich trotzdem getan! 😉

Ich hoffte, bevor wir nach São Paulo gingen, dass wir eine Familie gründen werden, da ich in Brasilien nicht arbeiten gehen wollte und durfte und nun endlich Zeit und Raum für Kinder war. Ich dachte, ich sei sowieso mit Grafik Design fertig und würde nebenher nur noch ein bißchen illustrieren und Blog schreiben und ansonsten Mutter und Hausfrau sein.

Aber die Biologie hat uns einen Strich durch die Rechnung gemacht und schon sehr bald war die Hauptfrage: „Um Himmels Willen – was mache ich den ganzen Tag lang? Was kann ich sinnvolles tun und wie kann ich schnellstmöglich portugiesisch sprechen lernen, um mit den Menschen zu kommunizieren?“ Daraus wurde dann eine der schönsten Erfahrungen: Stadtführungen mit SoulSampa!

Ich dachte, wir würden schnell Brasilianer kennenlernen und neue Freunde finden, doch das hat tatsächlich ziemlich lange gedauert, bis wir überhaupt Kontakt hatten. Doch der, der nun da ist, bleibt – da bin ich ganz sicher ihr Lieben!

Ich war davon überzeugt, bestehende Freundschaften bleiben erhalten, da wir ja heutzutage über ganz viele Medien kommunizieren können! Und wir hätten oft Besuch aus Deutschland! Diesen Zahn zog uns ein Kollege von Jo eigentlich in der ersten Woche denn er meinte: „Ihr werdet euch wundern, wer wirklich bei euch bleibt!“ Und da hatte er Recht! Aber auch in diesem Punkt: Alles hat seine Zeit und maches eben nur eine Kurze!

Ich war mir sicher, wir würden finanziell liquide werden und uns etwas Geld zur Seite legen können, da ja der damalige Kurs extrem zu unseren Gunsten ausfiel! Doch der Kurseinbruch kam drei Monate nachdem wir angekommen waren und so musste an allen Stellen der Rotstift angesetzt werden, angefangen bei der Wohnung bis hin zu Urlauben etc.. Na ja und Rücklagen bilden? So sind wir 2x in São Paulo umgezogen, haben drei Stadtviertel kennengelernt und ich möchte keines unserer Heime missen! (Auch nicht den Torre!)

Wir planten eigentlich, länger als drei Jahre zu bleiben, also mindestens 6 Jahre, damit sich das Ganze auch wirklich lohnt. Doch da hatten wir unsere Rechnung ohne Jo’s Schulsituation gemacht, die häufig alles andere als rosig war und letztlich den Ausschlag dafür gab, nur drei Jahre in São Paulo zu leben. Doch auch hier: Jo hat nun eine Stelle in Köln bekommen, was ein echter Glücksfall ist, denn ein Ländertausch ist normalerweise nicht so einfach und rasch umzusetzen.

Ich dachte nicht, wie schwer es würde, im Ausland nur einen Menschen ganz nah bei sich zu haben, der dann auch noch für alles da sein muss. Und wie intensiv man sich darüber kennenlernt – mit allen Seiten. Ich habe das nachher unser „Ehebootcamp“ genannt, welches wir trotz vieler Widrigkeiten gemeistert haben. Eine solche Erfahrung ist eine Zerreissprobe, schweisst aber auch zusammen, wenn beide das wollen!

Also alles kam irgendwie anders. Aber ich möchte nichts davon missen und wenn ich sehe und spüre, wie viel mir diese Stadt jetzt bedeutet, die Menschen dort, unsere Viertel und all die schönen Orte, die wir kennenlernen durften dann weiss ganz sicher, dass wir eine zweite Heimat gefunden haben. pe

UMZUGSFINALE

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Was lange währt wird endlich gut. Container ist da. Internet ist da. Telefon und TV theoretisch, jedoch sind wir da jetzt in der Pflicht mit dem Kauf und der Montage der nötigen Endgeräte. Die Wohnung ist nun nahezu vollständig eingerichtet und während ich das schreibe, wuchtet Jo die letzten Bücher aus den Pappkisten ins frischgekaufte Regal.

Als der Container kam gab es erst noch einen kleinen Schreck, denn die Kisten waren beim Beladen in São Paulo nicht ordentlich gesichert worden und als die Plomben geknackt und die Tür geöffnet wurde, kam den Packern die Fracht entgegen. Daher musste das gesamte Umzugsgut vorsichtig aus dem Innenraum in einen Shuttle-LKW umgepackt werden, der dann Kiste für Kiste für Kiste zu unserer Wohnung brachte.

Zum Glück hielt sich das Drama in Grenzen. Erwischt hat es leider die Kunst und heute ist die Schadensmeldung an die Versicherung rausgegangen, die hoffentlich anstandslos den Deckel begleichen wird!

In den letzten zwei Wochen haben wir eigentlich nichts anderes getan als arbeiten und packen und räumen und bohren und dübeln und schrauben und putzen und tragen und zwischendurch schlafen und essen, was aufgrund der gigantischen Anzahl an türkischen Imbissstuben kein aufwändigeres Problem darstellte – wahrscheinlich auch ernährungsphysiologisch nicht die Vollkatastrophe?! Echt goldene Kundekarten haben wir mittlerweile beim Bauhaus in Köln Kalk und bei Ikea, an der von Aldi arbeiten wir gerade 😉

Summasummarum hatten wir 150 Umzugsgüter plus die Kartons, die erst gar nicht mit nach São Paulo gereist sind, sondern ordentlich gestapelt auf unsere Rückkehr gewartet haben. Ein Teil davon ist direkt in die große Flohmarktkiste gewandert, denn mal ehrlich: Was man drei Jahre nicht brauchte – braucht man auch nicht danach! (Außer natürlich der Kiste mit Karnevalskostümen!)

Als dann – Wohnung gut, Basis gut und nun schauen wir mal weiter! pe

MONDNACHT

Es war, als hätt‘ der Himmel
Die Erde still geküsst,
Dass sie im Blütenschimmer
Von ihm nun träumen müsst.

Die Luft ging durch die Felder,
Die Ähren wogten sacht,
Es rauschten leis‘ die Wälder,
So sternklar war die Nacht.

Und meine Seele spannte
Weit ihre Flügel aus,
Flog durch die stillen Lande,
Als flöge sie nach Haus.

Joseph von Eichendorff

STREIK STATT STRIKE

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Eigentlich sollte das Schiff mit unseren Sachen drauf bereits seit 6 Tagen auf hoher See sein und Jo meinte auch schon, es per GPS-Überwachung in Uruguay entdeckt zu haben, was ich eh etwas merkwürdig fand, weil absolut falsche Richtung.

Aber es ist ganz anders: Die Zollbehörde in Santos streikt und daher konnte unser shipment bisher noch gar nicht abgefertigt werden – befindet sich also immer noch im Santos’ser Hafen. Voraussichtlich soll der Zoll den Container am 29ten Juli inspizieren, was laut Aussage des Agenten bedeuten würde, dass er am 21ten August in Bremerhaven ankommt und „hoffentlich“ eine Woche später in Köln ist. Aber nichts genaues weiss man nicht, weil die Hafenbehörde in Santos scheinbar gerade ihre eigenen Gesetze macht! Ebenso wissen wir noch nicht, ob der Streik Mehrkosten wegen der Lagerung des Gepäcks verursacht. AUWEIA!

Richtiger Einzug also vermutlich erst Ende August und das bedeutet: CAAAAMPING in der Wohnung! Aber das macht nichts, denn damit haben wir ja schon Erfahrung. Und wenn der Container dann endlich ankommt, ist es doppelt so schön! pe

(Ich habe noch ein Glücksbändchen vom „Senhor Bonfim“ aus Bahia und neben dem Grünen für das Finden einer tollen Wohnung (hat geklappt!) kommt da jetzt noch ein orangefarbenes ans Handgelenk: Für das komplikationsfreie und pünktliche Abfertigen, Verschiffen und Ausliefern unseres Gepäcks!)

NEUSTART

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Was so alles erledigt sein will, wenn man irgendwo neu anfängt?

Seit 14 Tagen sind wir nun in Deutschland und können ganz glücklich verkünden, dass die neue Bleibe gefunden ist. Das ging sogar am schnellsten, hatten wir die Wohnung bereits von São Paulo aus im Internet entdeckt und den Kontakt zum Makler aufgenommen, um unser Interesse sehr laut und deutlich zu bekunden.

Künftig werden wir also in Kalk wohnen und ich werde von dort aus arbeiten. Diesen Stadtteil von Köln haben wir in der letzten Zeit ausgiebig erkundet und ich glaube: alles richtig gemacht ;-), denn dort vermischt sich ebenfalls alt mit neu, schäbig mit chic und das Stadtbild ist geprägt von Multikulti … sehr sympathisch und ein bisschen Pinheiros … aber nur ein bisschen …!

Die neue Wohnung ist in einem Altbau untergebracht und wurde gerade renoviert, sodass wir eigentlich nur noch etwas bunte Farbe an die Wände bringen und die Küche organisieren müssen. Küche = IKEA, zumindest mit schmalem Portemonnaie und jetzt habt ihr in etwa eine Idee, wo wir in der letzten Woche relativ häufig anzutreffen waren, neben Elektrogroßmärken, dem Bettenhandel, dem Bezirksamt, der Bank, Net(schie) Cologne und den anderen unglaublichen Telefonläden, die offensichtlich in den letzten Jahren wie Pilze aus dem Boden sprossen und die in Kalk sehr speziell sind.

(Ach so: In Kalk gibt es vermutlich auf jeden fünften Einwohner ein Fingernagel-Studio Jasemine, Jaqueline oder Brigitte und ich kann sagen, dass ich noch nie so viele lustige Fingenägel-Designs auf offener Straße gesehen habe.)

Nächste Woche Mittwoch erhalten wir den Wohnungsschlüssel, zwei Tage später werden Möbel und Geräte geliefert und am kommenden Wochenende gestrichen und gebaut, was das Zeug hält! Wer sich als besonders geeignet betrachtet, eine Küche aufzubauen bzw. Wände zu streichen, ist hiermit herzlich zur Mithilfe eingeladen!

Also im Großen und Ganzen läuft der Neustart bisher sehr gut (schnell auf Holz und an den Kopf geklopft). Sicher auch, weil man sich in Deutschland eben doch auf Andere verlassen kann und die Bürokratie nicht ganz so irre ist!

Beispiel Stadthaus und Anmeldung: In São Paulo hätten wir mindestens 1x wiederkommen müssen, da es Unklarheiten in unseren Unterlagen gab – ich zum Beispiel offiziell noch gar nicht verheiratet bin ;-)! Um das nachzuweisen, hätte ich eigentlich die Heiratsurkunde gebraucht, aber die ist im Container, somit hätten wir uns theoretisch noch nicht anmelden können, was bedeutet hätte, dass der Container nicht ankommen kann, weil dazu eine offizielle Meldebescheinigung vorliegen muss! (Nur mal so!)

Aaaaber es ist alles gut, wir sind busy, mittlerweile „entwattiert“ und haben in den letzten Tagen richtig Lust auf Köln und die Kölner bekommen. pe

ABSCHIED

Gerade sitze ich Jo’s altem Kinderzimmer und schaue mir den letzten Blogeintrag an. Das ist alles schon so weit weg und dabei doch erst eine Woche her, seitdem wir das Appartment in São Paulo verlassen haben.

Zwei Nächte haben wir noch im Hotel übernachtet, denn es waren noch einige Formalitäten zu erledigen: die Wohnung musste wieder an den Vermieter übergeben werden, das Auto kam zurück zum Händler, der es nun in unserem Auftrag verkaufen wird, es wurde ein Leihwagen organisiert, die letzte Feijoada musste verspeist werden, das letzte Choppe musste im São Cristovão getrunken werden und nach so vielen letzten Malen lagen wir am letzten Abend in São Paulo schon um 17h im Bett, weil einfach gar nichts mehr ging.

Am Sonntagmorgen gings dann Richtung Trindade, einem alten Hippieort in der Nähe von Parati. Trindade zeichnet sich besonders durch die wunderschönen Strände aus, ansonsten ist da im Winter nicht sonderlich viel los! Zwei Tage waren wir dort und haben eigentlich nur geschlafen und die Seele baumeln lassen. Und nach und nach die Anspannung der vergangenen Tage losgelassen. So heisst es in Brasilien: Jede Welle nimmt ein kleines Stück Sorge oder Last von dir weg. Funktioniert!

Der letzte Tag und die letzte Nacht in Brasilien sollten ganz besonders sein und daher sind wir noch einmal umgezogen. Parati ist ein altes portugiesisches Seefahrernest, mittlerweile UNESCO-Welterbe. Die alten Gassen und Häuser sind extrem malerisch und in einigen befinden sich erstklassige Pousadas. So eine sollte es denn auch sein und im Luxusambiente und mit einem Luxusabendessen haben wir unsere drei Jahre São Paulo angemessen ausklingen lassen.

Mittwoch war  Reisetag und wir sind extra früh aufgebrochen, um auf jeden Fall pünkltich am Flughafen zu sein. Brasilien hatte wohl an diesem Tag beschlossen, sich noch einmal von seiner speziellen Seite zu zeigen, denn etwa 100km entfernt vom Flughafen befanden wir uns auf einmal in einer Straßensperre wegen Sprengarbeiten.

Der Vorarbeiter konnte leider auch nicht so genau sagen, wie lang die Sperrung etwa dauern würde, daher beschlossen wir, uns nicht auf die brasilianischen 1 bis 2 Stunden zu verlassen, sondern zu wenden und eine Straße über Land zu nehmen. 100km mit etwa 60 km/h durch den Wald, ohne zu wissen, ob wir da wirklich durchkommen oder die Straße irgendwann zur Piste wird?! Das ganze mit dem nahenden Abflugtermin im Rücken – ein unbeschreibliches Gefühl 😉

Aber Ende gut, alles gut – irgendwann saßen wir im Flieger der auf die Startbahn zurollte. Da wurde es nochmal ernst, denn unweigerlich kam der Moment, als die Räder den brasilianischen Boden verließen und wir wussten, dass die Zeit nun wirklich und endgültig vorbei ist.

Jetzt sind wir schon ein paar Tage hier, doch es ist noch wie Watte um uns herum. Ich kann mir noch nicht vorstellen, dass es diesmal kein Urlaub ist und wir wirklich bleiben. Wir haben bisher nur die Familie gesehen und das braucht auch noch eine Weile, bis wir wieder richtig kompatibel werden, denke ich. Aber es wird – ganz sicher und wir freuen uns sehr, euch alle früher oder später zu treffen!

Mein Blog neigt sich nun auch langsam dem Ende zu. Ich habe beschlossen, noch zu schreiben bis der Container in Köln ist, denn das Wiederankommen gehört ja auch zu drei Jahren Auslandsaufenthalt. pe

Noch 1 TAG

Heute ist der letzte Abend, bevor die Packer morgen früh kommen. Der Wohnung sieht man noch so viel an, aber unseren Gesichtern. Jo hatte heute seinen letzten Tag in der Schule und war etwa so lange tapfer, bis die Kinder ihm ein Abschiedsbuch mit ganz vielen Briefen und guten Wünschen überreicht haben!

Heute war auch Avanete das letzte Mal hier und ich habe gehofft, nicht zu weinen. Wie gesagt: gehofft, aber als ich Avanetes Tränen sah, wars auch bei mir vorbei. Avanete war fast von Anfang an dabei und kennt alle Stationen. Sie war uns immer die gute Seele und große Hilfe. Danke querida Avanete Morais!

Heute habe ich das letzte Mal gekocht und es gab eine köstliche Fischsuppe! Jetzt sind alle Lebensmittel, Öle, Essige, Zucker, Salz und so weiter bei Avanete und ich bin sicher, dass sie daraus ganz großartige Dinge zaubern wird!

Es ist ein ganz anderes Gefühl, als der Abschied von Deutschland, denn hier werden wir vermutlich nicht mehr leben. Und es ist auch ein anderes Gefühl, innerhalb eines kurzen Zeitraums ein Leben im Ausland aufzubauen und es dann wieder auf 2x 23 Kilo herunter zu schrauben.

Uns gehts gerade nicht gut … wir freuen uns auf euch, aber sind auch sehr traurig! pe

Noch 5 TAGE

Jetzt kann man die verbleibenden Tage in der Wohnung wirklich an einer Hand abzählen. Auweia, nur noch 5 Tage. Im Moment sieht es hier noch so gar nicht nach großem Umzug aus, doch heute Mittag werden wir einen Entfeuchter bekommen, der die Räume und Gegenstände trocknet, damit auf der Reise kein Schimmel in den Kartons entsteht.

Die Reisedaten unserer Habe stehen nun auch fest. Am 15. Juli wird der Container auf die „Maersk Laguna“ verfrachtet, wo er dann in Bremerhaven am 07. August ankommt. Unser Umzugsunternehmer schrieb: „Bei rechtzeitiger Ankunft des Containers und problemloser Zollabfertigung sollte eine Auslieferung der Sendung am 10. oder 13. August 2012 möglich sein.“ Das fühlt sich für mich schon fast wieder brasilianisch an – mit den drei „wenns“ ;-)!

Obwohl … nein doch nicht. Der Brasilianer würde schreiben, dass alles kein Problem ist und klar geht – so wie in der letzten Woche, als ich den Raum für unsere Farewellparty, die am vergangenen Samstag stattfand, bestätigt habe. Wir hatten genau abgesprochen, in welchem Teil des Restaurants die Tische reserviert werden sollten und als wir dann eintrafen, fand dort eine Hochzeit statt. „Lebendige Halsschlagader“, sag ich da nur! Aber machen kann man überhaupt nichts, ausser runterpulsen, umdenken und eben in einem anderen Teil feiern. Und dort wars dann auch sehr schön! Vielen Dank nochmal ihr Lieben!

Diese Woche stehen nun alle amtlichen Aktionen an: Gas abmelden, Net(schie) abmelden … yeeehaaahhhhh :-), Bankkonto auflösen, Auto verkaufen, Elektrogeräte verkaufen usw. Also alles wieder zurück auf Null, ausgenommen der zwei Koffer à 23 Kilo, die wir dann noch haben werden. Glaubt es oder nicht, aber das ist echt spoooooky! pe

GOOOOOOOL

Anbei eine filmische Kostprobe der brasilianischen Verbalakrobaten sprich Fußball-Kommentatoren. „FernandoFernandoFernandoTooooores de novo!“ Da können sich die deutschen Kollegen aber noch ein Scheibchen von abschneiden, oder? 😉 pe

Noch 14 TAGE

Man kann die verbleibende Zeit noch nicht an einer Hand abzählen, aber viel fehlt da nicht mehr. In 14 Tagen um diese Zeit wird hier eine Horde von Möbelpackern durch die Wohnung wuseln und packen, was das Zeug hält, denn im Laufe von zwei Tagen soll alles im Container verstaut sein. In 14 Tagen werden wir auch die letzte Nacht hier im Appartment verbringen, danach gehts für kurze Zeit ins Hotel, bis hier alles Formelle erledigt ist.

Grundsätzlich laufen die Abreisevorbereitungen bisher ganz gut. Bis auf den Herd sind alle Elektrogeräte versprochen. Den Fernseher nehmen wir jetzt mit, denn laut Aussage des Fernsehmechanikers des Vertrauens meiner Eltern „is dat kein Probleeeeem und zu 85% kann er jarantiere, dat dat Ding he lööf!“ 85% müssen reichen 😉

Ob wir das Auto vernünftig loswerden, wage ich zur Zeit noch zu bezweifeln. Wir haben zwar die Rücknahmegarantie des Autohändlers, der uns den Wagen vor drei Jahren verkauft hat, aber der ist gerade ausgesprochen zögerlich mit der Herausgabe eines Angebotes und wir fürchten, dass er auf Zeit spielt um den Wagen im letzten Moment für Nüsse wieder anzunehmen. Aber kommt Zeit, kommt Preis. Jetzt versuchen wir es erstmal im brasilianischen Ebay, genannt Mercado Livre!

Unser letzter Tag in São Paulo ist der 30te Juni. Danach fahren wir mit einem Mietwagen noch drei Tage ans Meer in die Nähe von Parati, um langsam und schonend von Brasilien Abschied zu nehmen. Den Wagen geben wir auf der Rückreise am Airport ab und vom Parkplatz gehts direkt in den Flieger. So sehen wir São Paulo nicht mehr und das ist vermutlich auch besser so, denn die Gefühlslage ist gerade doch ausgesprochen durchwachsen.

Ich heule schon seit Wochen in Etappen vor und hoffe, dass dann am Ende alles ge- und beheult ist 😉 Jo wird auch langsam ein wenig waidwund. Wir versuchen, die Zeit noch in vollen Zügen zu genießen, aber es hat vieles schon den „das letzte Mal“-Stempel und das macht dann doch am Ende traurig, weil wir das alles hier und die alle hier vermutlich eine ganze Weile nicht wiedersehen werden.

So glaube, ich, dass die richtig Vorfreude auf Deutschland erst im Flieger kommt, wenn wir auf dem Weg nach Frankfurt sind! Schaun mer mal! pe

BELO MONTE

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Brasilien ist ein boomendes Land und um die Wirtschaft weiter nach vorn zu bringen, braucht der Brasilianer Energie. Diese soll, geht es nach den Wünschen der Regierung, zu einem Teil künftig in der Amazonas-Region gewonnen werden, durch den Bau des Wasserkraftwerks Belo Monte.

Mit der Vorbereitung zum Bau der gewaltigen Staumauer wurde bereits begonnen. Sie entsteht an der Biegung des Xingu-Flusses und das angestaute Wasser wird 400.000 Hektar Regenwald überschwemmen und damit den Lebensraum von 40.000 Indios sowie unzähligen Pfanzen- und Tierarten zerstören. Die Region war bislang ein Naturschutzgebiet, um die Kultur der Indios und die Natur zu erhalten – jetzt passiert das Gegenteil und die Folgen für den gesamten brasilianischen Regenwald können nachhaltig sein.

Zahlreiche Proteste laufen gegen das gigantische Projekt und man versucht nach wie vor, den Bau aufzuhalten. Jeder kann sich beteiligen und hier ein weiterer Link, der zur Unterschrift einer Petition gegen den Staudamm führt.

>>> zur Website Amazonwatch

Das Photo oben zeigt den Indianerhäuptling Raoni. Er hat sich für den Schutz seines Stammes und des Regenwaldes stark gemacht und ist dazu sogar zur UN nach Genf gereist, um sein Anliegen vorzubringen. Das Bild hält den Moment fest, als man ihm mitteilt, dass Präsidentin Dilma den Bau des Staudamms freigegeben hat. pe

DEUTSCHLAND VS PORTUGAL

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Dank guter Beziehungen, extremer Hartnäckigkeit und der Unterstützung eines Portugalfans ist es uns gestern gelungen, trotz des parallel laufenden Freundschaftsspiels Brasilien-Argentinien (3:4) in einer hinteren Ecke des São Cristovão das erste Spiel der deutschen Nationalmanschaft anzuschauen. Der nette Portugal-Brasilianer wird übrigens nie wieder während eines laufenden Spiels Fotos der gegnerischen Fans schießen, denn exakt in der Sekunde als er es tat, fiel das Tor für Deutschland 🙂 pe

Hier ein klitzekleiner, dafür langer Film aus unsere Ecke:

ALLERGIETEST

Brasilien ist berühmt für seine tollen exotischen Früchte. Um die Vielfalt zu testen und den Körper auf fremde Vitamine einzupegeln, wäre ein Besuch im Veloso zu empfehlen.

Das Veloso ist eine Bar/Boteca in Vila Mariana, in der es den besten Caipirinha São Paulos geben soll. Beweisen die vielen Preise, die der Barmann Souza gewonnen hat. Sagen diverse Magazine, die jedes Jahr die besten Botecas der Stadt küren. Und meinen auch die vielen Besucher, die sich jeden Samstag die Beine in den Bauch stehen, um einen der wenigen freien Plätze zu ergattern.

So wie wir, da Jo beschlossen hat, das Veloso kurzfristig noch auf unsere „ToDo“-Liste zu setzen. Letzten Samstag haben wir es demnach gehalten, wie Millionen andere Brasilianer auch: Ausschlafen und dann ab in die Kneipe, um dort bei Snacks, Feijoada, Bier oder Caipirinha und definitiv viel TamTam den ganzen Nachmittag lang das Wochenende einzuläuten. 😉

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Hand aufs Herz: Die Caipies waren wirklich herausragend! Ausschlaggebend ist der Cachaça, den es hier in unzähligen Varianten gibt, da quasi jedes Dorf seine eigen Zuckerrohrbrennerei hatte oder noch hat. Der Pitú, den wir in Deutschland für Caipirinha verwenden, ist übrigens hier allerunterste Kategorie – als besser Hände weg und im Spirituosenladen Geld für andere Importe ausgeben! Rohrzucker wird ebenfalls nicht verwendet, hier nimmt man feinen weißen Zucker.

Ein guter Barmann, und dazu kann man Souza, Chefmixer des Veloso wirklich zählen, weiß genau, welcher Cachaça zu welcher Frucht passt. So sind seine Schnaps-Frucht-Schöpfungen leider sehr köstlich, wie zum Beispiel Mandarine/Chili oder Caju/Limone oder die Klassiker Maracuja oder Limão. Nur einen trinken, wenn man schon mal da ist, wäre tatsächlich vergebene Liebesmüh. Ins Veloso fährt man mit Ansage! 🙂

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Aber auch die kleinen Häppchen zum Getränk sind ziemlich empfehlenswert, zum Beispiel Coxinhas oder Bolinhas. Das sind fritierte Bällchen mit unterschiedlichen Füllungen, wie zum Beispiel Stockfisch, Fleisch, Trockenfleisch, Krabben oder Käse-Hühnchen-Mischungen, für letzteres ist das Veloso bekannt. Dazu gibt es ordentlich scharfe Chilisauce, die es spielend mit der Aufgabe der Biernüsschen in unseren Breiten aufnehmen kann. 😉 Die kleinen Bällchen machen nicht wirklich satt, aber geben ein gutes Gegengewicht zum Hochprozentigen und sind, wenn sie wie im Veloso frisch zubereitet werden, extrem lecker!

Als dann, das Wochenende hatte letzte Woche quasi nur einen „aktiven“ Tag, aber der hatte es in sich! pe

>>> zur Homepage

TEATRO MUNICIPAL

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Schönes Theater, gelungene Architektur, beindruckender Innenraum – alles gut im Teatro Municipal, das wir letzte Woche besucht haben, um ein klassisches Konzert zu hören und mal „zu gucken“. Das Theater ist erst letzten Sommer nach langer Renovierungszeit wiedereröffnet worden und ein Besuch steht auf unserer „ToDo“-Liste der Dinge, die wir unbedingt noch erledigen möchten, bevor es zurück nach Deutschland geht.

Das Theater an sich ist toll, aber richtig besonders wird es, wenn man sich die Historie dieses Gebäudes vor Augen führt. Nicht nur, dass dort internationale Künstler wie Maria Callas, Enrico Caruso oder Rudolph Nureyev aufgetreten sind – das Teatro war auch Schauplatz der für die brasilianische Kunst wichtigsten Veranstaltung ever – der Semana de Arte Moderna.

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MODERNISMO

Vom 11ten bis zum 18ten Februar 1922 hatte eine ganz besondere Künstlergruppe das Theater für Vorträge, Lesungen, Diskussionen und Ausstellungen angemietet. Die Idee, die in dieser Woche ihren Ausdruck fand, war, die brasilianische Kunst von ihren europäischen Vorbildern (zum Beispiel Dadaismus oder Surrealismus) abzulösen und eine eigene brasilianische Identität zu schaffen.

Kann man ja gut verstehen, denn Brasilien ist von der Kultur der Einwanderer, zurück bis zum 16ten Jhd., geprägt worden. Erst kamen die Portugiesen, dann die Afrikaner, die Italiener, Deutschen und Japaner – nicht alle ganz freiwillig, aber alle wollten sie ein Wörtchen mitreden und mitgestalten. So entstand Anfang des 20 Jhds, als Brasilien sich mehr und mehr industrialisierte und eigenständiger wurde, vor allem in intellektuellen Kreisen der Wunsch, diesem bunt gemischten Volk eine eigene kulturelle Identität zu geben.

Mário de Andrade, damals 29-jährig und Vater der Bewegung forderte „im Namen aller Künstler das Recht auf Selbstbestimmung der ästhetischen Werte, die Aktualisierung der brasilianischen Kunst sowie die Bildung eines kreativen Nationalbewusstseins.“ So!

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Die Semana de Arte ist als Begründung des brasilianischen Modernismo in die Geschichtsbücher eingegangen und Teilnehmer waren unter anderem Künstler wie Tarsila do Amaral, Di Cavalcanti, Mário de Andrade, Oswald de Andrade und Heitor Villa-Lobos.

Das Gemälde oben ist das bedeutendste der erstgenannten Künstlerin Tarsila do Armaral. Sie hat es 1928 gemalt und es trägt den Titel „Abaporu“, was in der indigenen Tupi-Sprache „Anthropopage“ , also Menschenfresser heisst. Der Titel des Bildes ist Namensgeber für das Anthropopagische Manifest, das Oswaldo de Andrade, Gatte Tarsilas im Rahmen der Modernismo-Bewegung verfasst hat. Motto ist, „das Fremde nicht wegzuschieben, sondern aufzufressen.“ Damit beschreibt er in einer These, verschiedene Kulturen zu absorbieren um damit eine neue brasilianische Identität zu gestalten.

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Diese Idee ist bis heute in allen Bereichen der brasiliansichen Kultur wirksam, zum Beispiel beim Street-Art-Künstler Nunca. Seine Charaktere sind unter anderem Kannibalen, die sich gegenseitig auffressen oder zerteilen und dabei amerikanische Markenimporte wie Nike (er schreibt es lautsprachlich NAIQUE) oder Oakley (Oakleii) tragen. So finden sich an den Wänden São Paulos abgetrennte Finger, Arme oder andere Körperteile und die Gründer des Modernismo wären sicher begeistert.

Ich bin jetzt noch untröstlich, dass die Fotos der Graffiti und Street-Art-Gemälde auf dem Bauzaun um das Teatro Municipal mitsamt meiner Kamera auf unerklärliche Weise verschwunden sind. Da hätte sich sicher auch ein Nunca gefunden. pe

BAYERN DE MUNIQUE

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Neee, neee, neee – also das war ja wohl nichts! Drei Matchbälle und alle versiebt! Da können einem selbst die Bayern ein bisschen leid tun. Gesehen haben wir das Endspiel der Champions League im São Cristovão, besagter Boteca, in die wie uns eigentlich fast immer begeben, wenn es etwas „amtliches“ in Sachen Fußball zu gucken gibt, weil die es übertragen.

Gestern sogar inklusive Merchandising wie kleinen Tischaufstellern und Buttons, die die Live-Übertragung des Spiels angekündigt haben. Das habe ich dort bisher noch nicht gesehen und wir hatten kurz Sorge, dass sich auch ein Kamerateam blicken lässt, um ein paar Kommentare einzufangen. Das haben die aber schön bleiben lassen.

Viele der anwesenden Fußballfans waren auf unserer Seite, teilweise sogar im passenden Outfit. Aber es gab auch reichlich „blaue“ Seelen und so wurde während des 2-stündigen Fußballfiaskos mal hier „Hurra“ geschrieben und mal dort „Não“, mal hier die Hände vors Gesicht geschlagen und mal dort „Goooool“ gejubelt.

Bundesligafinale, Pokalendspiel und Champions League – jetzt sind wir warm und freuen und schon auf die Fußball-EM, die natürlich auch verfolgt werden muss. Unsere Handtücher haben wir im São Cristovão jedenfalls schon ausgelegt! pe

ABSCHIED NEHMEN

Das tut immer weh und ich bin da gar nicht gut drin, aber der Abschied gestern hatte eine Dimension, mit der ich nicht gerechnet hatte. Eigentlich wollte ich nur mal zum alten Haus in die Flexa fahren und Donisete, dem „All-Wetter-Parkticketverkäufer“, besser gesagt, der guten Seele der Straße ein fröhliches „Bom Dia“ sagen. Und dann das hier!

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Nachdem wir ausgezogen sind stand das Haus lange Zeit leer und ist erst kürzlich verkauft worden. Die neuen Besitzer bzw. deren Architekt sind gerade dabei, keinen Stein mehr auf dem anderen zu lassen.

Normalerweise kümmert mich Renovierung nicht, aber das Haus war einfach eine Perle und wunderhübsch mit den alten Fliesen, Fenstern, Bädern – dem Wintergarten usw. Die, die es gekannt haben, werden mich verstehen! Ich heule schon wieder, wenn ich daran denke, dass davon nur ein paar tragende Wände übrig bleiben.

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Wie kann man so wenig Sinn für den Erhalt von Altem und Besonderem haben? Hier in São Paulo ist man mit der ganz großen Abrissbirne unterwegs, um neue und moderne Gebäude aufzubauen. Das sehen wir häufig bei uns im Viertel, wenn die kleinen Stadthäuschen verschwinden. Und jetzt leider auch in der Flexa.

Donisete hatte auch ganz feuchte Augen, als er mir die Umbauarbeiten zeigte. Aber er meinte, es wird sicher ganz schön und hat mich feste gedrückt. Gute Seele! 😉 pe

EUKALYPTUS

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Das, was gerade so hübsch dekorativ auf unserem Tisch steht und den ganzen Raum mit natürlichen ätherischen Ölen beduftet ist das Abfallprodukt dessen, mit dem ihr euch evtl. gerade die Nase putzt – auch ätherische Öle drin, diesmal künstlich.

Die Eukalyptusindustrie ist gigantisch in Brasilien, denn hier gedeiht die schnell wachsende Pflanze, die ursprünglich aus Australien kommt, besonders gut. Verarbeitet wird das Holz zu Zellulose, aus der nach Bleichung Papier gewonnen wird. Und da haben wir direkt vier Probleme auf einmal:

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Die Eukalyptusplantagen verdrängen den tropischen Küstenurwald, wie wir im Sommer auf unserer Reise nach Salvador selber sehen konnten. In den Urwäldern wachsen normalerweise pro Hektar 450 Baumarten und 92 Prozent aller Amphibienarten leben ausschliesslich dort. Heute sind noch 7% des ursprünglichen „Mata Atlântica“ erhalten und viele Pflanzen- und Tierarten sind ausgerottet.

Nicht nur die Tiere wurden verdrängt, sondern auch die dort lebenden Bauern, die ihre Felder für die Industrie räumen mussten und als Arbeiter auf den Plantagen angestellt wurden. Durch den Einsatz technischer Hilfsmittel werden immer mehr Stellen gestrichen und das führt zu Arbeitslosigkeit und großen Konflikten.

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Die Bäume werden als Monokulturen gepflanzt, um die Plantagen einfacher bewirtschaften zu können. Ein Eukalyptusbaum entzieht dem Boden jede Menge Wasser, 30 Liter braucht er am Tag. Das hat zur Folge, dass Flüsse oder Wasserquellen austrocken und der Grundwasserspiegel absinkt. Damit veröden ganze Landstriche und werden für Jahre unbrauchbar.

Um aus dem kleingehackten Eukalyptusholz Zellulose zu gewinnen, muss es gebleicht werden und das macht der Brasilianer am liebsten mit Chlor. So wurde das Farbrikabwasser verseucht und Arbeiter, die dauerhaft damit in Kontakt waren, erkrankten an Krebs. Heute verwendet man weniger giftige Chloride, doch die Grundwasserwerte sind dauerhaft kritisch.

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Da schaut man ein hübsches, weißes Taschentuch schon mit anderen Augen an, oder? Zum Glück ist aber alles langsam auf dem Weg der Besserung, da man die Probleme erkannt hat. So werden immer mehr Zertifikate installiert, die nachhaltig und sozial gerechtes Papier kennzeichnen, denn damit kann Druck auf die Papierriesen ausgeübt werden.

Also achtet beim Kauf von Papier auf die Gütesiegel, wie den „blauen Engel“, „FSC“ oder „Oecoplan“, denn das hilft der Natur und den Menschen hier. Und ich genieße jetzt trotzdem den tollen Duft im Wohnzimmer. pe

PRINCESA BIBESCO

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Èduard Vuillard ist ein Maler des französischen Impressionismus, genauer gesagt, des Intimismus. Diese Bezeichung bezieht sich auf die gedämpften „intimen“ Farben, so heisst es.

Aber wenn ich das MASP aufsuche (Museu de Arte de São Paulo), um mein allerliebstes impressionistisches Lieblingsbild im Original zu bewundern, nämlich das Portrait der in Bukarest geborenen Schriftstellerin Princesa Bibesco, von eben jenem Herrn Vuillard 1920 gemalt, dann springen mir die Farben nur so ins Gesicht und ich kann das so gar nicht intim finden – eher psychedelisch.

Das MASP zeigt in seiner Dauerausstelung Bilder der Romantik und ich frage mich immer, warum sooo viele berühmte Gemälde in São Paulo gelandet sind? Künstler wie El Greco, Bosch, Turner, Gauguin, Van Gogh, Renoir, Monet und Manet, Dali, Rodin, Matisse und weitere sind dort zu sehen. Uffffz …!

Also wenn ihr mal die Gelegenheit haben solltet, dürft ihr das MASP auf der Avenida Paulista auf keine Fall versäumen. Ich könnt auch schon wieder … 😉 pe

PS: Architektonisch übrigens ebenfalls ziemlich wertvoll, denn das MASP ist auf den Bleistift von Lina Bo Bardi zurückzuführen, einer bedeutenden italienisch/brasilianischen Architektin.

Noch 70 TAGE

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Zack – jetzt ist der April auch schon bald vorbei. Im Moment rast die Zeit und eh wir uns versehen ist schon Juli und wir kommen zurück nach Deutschland. Nur noch 70 Tage Brasilien. Auweia!

Die Vorbereitungen für den „Rückzug“ haben bereits begonnen, d.h. ein Umzugsunternehmen ist verständigt, der Umzugspartner hier vor Ort war da und hat unser Hab und Gut inspiziert, die Termine sind gemacht und in Köln läuft die Suche nach einer passenden Bleibe.

Beim Besuch der professionellen Umzieher haben wir erfahren, dass alle Güter, die wir damals ins Land gebracht haben, nun auch wieder raus müssen. Passiert das nicht, darf nachträglich Einfuhrzoll erhoben werden und das kann empfindlich teuer werden. Das Nachprüfen erfolgt übrigens über die Pack- und Versicherungslisten, die wir eingangs 2009 ausgefüllt haben. Steht da zum Beispiel eine Waschmaschine drauf, muss auch wieder eine raus und jetzt seht ihr in etwa, wo der Hase im Pfeffer liegt. 😉

Ende Juni kommt dann eine Horde Packer und packt alles ein, was nicht vorher im Koffer in Sicherheit gebracht wurde. Wir dürfen da nicht selber Hand anlegen, da unsere Sachen sonst nicht versichert sind. Angeblich brauchen sie für unseren Hausstand nur 2 Tage, dann ist alles im Karton und geht, sobald wir das Land verlassen haben, auf eine sechswöchige Reise per Containerschiff, bis es irgendwo in Köln wieder rausdarf.

Wo, das finden wir gerade heraus und drückt uns mal die Daumen, denn wir haben eine sehr hübsche Wohnung entdeckt, deren Besitzer sich bitte für uns als Mieter entscheiden soll. So, und jetzt weitermachen. pe

ÁGUAS DE ABRIL

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Das fing eigentlich ganz harmlos an: erst ein paar Blitze, Donner und leichter Regen, dann etwas stärkerer Regen und schließlich das hier. Aber einen echten Fußballfan kann auch „Kneipe-unter“ nicht sonderlich schocken und so wurde nach kurzem der Fernseher im Inneren unserer Liebelingsboteca São Cristovão wieder in Betrieb genommen und das vorgezogene Meisteschaftsfinale zu Ende geguckt. pe

ENGEL IN DER BOX

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Ein bißchen absurd ist es ja schon, dass auf dem Cemitério do Pinheiros nicht nur die Verstorbenen in Särgen aufbewahrt werden, sondern neuerdings auch die Skulpturen auf den Gräbern, wenn auch in gläsernen. Aber solange es dem Erhalt solch wunderbarer Figuren wie diesem Engel dient, will ich mal nichts gesagt haben. pe

ÁGUAS DE MARÇO

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Ende März – bei euch beginnt gerade der Frühling, hier in Brasilien ist es genau anders herum. Der Herbst kündigt sich an, der Wind wird langsam kühler, abends braucht man wieder eine Jacke und ich habe die erste Erkältung des Jahres, weil besagte Jacke mehrfach fehlte. 😉

Anders als in den letzten zwei Jahren erlebe ich das Ende des Sommers dieses Jahr viel intensiver, denn es ist unser letzter hier Brasilien. Da mischen sich die ersten sentimentalen Gefühle mit Vorfreude und alles ist ein bißchen durcheinander. In einem solchen Moment bin ich über einen Song gestolpert, den Tom Jobim 1972 geschrieben hat.

In Águas de março (Wasser des März) beschreibt Tom Jobim auf poetische Weise den beginnenden Herbst mit seinen monsunartigen Regenfällen und der sich damit einstellenden Transformation der Natur und im übertragenen Sinne des Lebens. Es gibt auch eine englische Variante des Songs – da ist es der Frühling, der gleiches anrichtet.

Der Liedtext erzählt keine Geschichte, sondern es reiht sich eine Folge von Bildern aneinander, die fast alle mit „é (es ist)“ beginnen. Zum Beispiel: É pau, é pedra, é o fim do caminho, é um resto de toco, é um pouco sozinho /// Es ist ein Stock, es ist ein Stein, es ist das Ende des Wegs, es ist ein Zigarettenstummel, es ist ein bißchen einsam.

Das hört sich natürlich in der Übersetzung nicht so chic an, aber die Texte beider Versionen sind bedeutende Gedichte in Brasilien. Es geht darum, wie all das von reißenden Regenbächen in den Rinnsteinen weggespült wird! Wasser beschreibt Jobim als Symbol für das Versprechen des Lebens. Herrlich! 🙂

Aguas de março wurde 2001 in einer Umfrage der Zeitung Folha São Paulo als bestes brasilianisches Lied aller Zeiten von mehr als 200 Journalisten, Musikern und Künstlern gewählt.

Natürlich haben sich viele Musiker daran versucht. Die wohl beste Version stammt von Tom Jobim im Duett mit Elis Regina, aber mein Liebling ist die Aufnahme von João Gilberto, weil seine samtweiche Stimme soooo schön zur sentimentalen Seite des Liedes passt. Anbei die Links zu beiden Versionen. pe

Tom Jobim & Elis Regina
João Gilberto

CAPOEIRA

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Es kommt nicht häufig vor, dass man auf den Straßen São Paulos zufällig eine Gruppe Capoeira-spielender Menschen trifft, obwohl der Sport ja in Brasilien sehr verbreitet ist, aaaaber am Samstagnachmittag hatten wir dieses Glück. Angezogen von den Klängen eines Berimbau (das Instrument, auf dem die begleitende Musik zum Capoeira gespielt wird … siehe Film weiter unten), sind wir in einem Innenhof gelandet und dort traf man gerade die letzten Vorbereitungen zum Start der Show der Grupo Senzala, São Paulo. Perfekt!

Für diejenigen, die Capoeira nicht kennen: Dies wird als brasilianische Kunstform beschrieben, die Tanz, Spiel und rituelle Kampftechnik miteinander verbindet. Die Wurzeln gehen auf die afrikanischen Sklaven zurück, die diese Sportart in Brasilien entwickelt haben. Seit Mitte des 18ten Jhds ist Capoeira bekannt.

So läufts ab: Gespielt wird Capoeira in der typischen Roda (Runde, Kreis). Alle Teilnehmer stehen im Kreis, an einer Stelle versammeln sich die Berimbau-Spieler. Zwei Capoeiristas treten aus dem Kreis hervor, hocken sich vor die Musiker, geben sich die Hand und dann gehts los. Das Spiel wird mit einem Radschlag eröffnet, dann erfolgt eine Art getanzter Dialog mit Offensiv- und Defensivbewegungen. Wie intensiv der Dialog ausgeführt wird, ob er freundlich oder kämpferisch ist, entscheiden die Beiden selber (und natürlich die körperlichen Fähigkeiten).

Am Ende gibt es keinen Gewinner, sondern der Dialog wird einfach beendet. Möchte ein anderer Capoeirista in das Spiel eingreifen, streckt er einen Arm zwischen die Spielenden und hält die Handfläche demjenigen zugewandt, mit dem er weitermachen möchte. Der Andere zieht sich zurück und das Ganze geht in einer neuen Kombination weiter.

Je nach Fitness kann die Sache eher ruhig verlaufen, aber auch extrem akrobatisch. Dazu anbei ein Film, wo ihr einen Spieler sehen könnt (der mit dem blauen Shirt) der einmal einen ruhigeren Dialog führt … und danch gaaaaanz anders :-). Also wenn ich nicht „Rücken“ hätte, ich hätte mich schon lange in einer Schule angemeldet, so toll finde ich diesen Sport. Seht selber …! pe

 

NESTNEWS #2

Gestern habe ich das Nest aus dem Netz geknibbelt. Leider ist die Kolibri-Mom seit fast drei Wochen nicht mehr aufgetaucht, um die Eier auszubrüten und von allein scheint es auch bei heißem Sommerwetter nicht zu klappen. Beim Abnehmen ist eines der Eier aufgegangen – die Außenhaut ist superdünn – und die Küken sind nicht mal über das Eidotterstadium hinausgewachsen. Tja, die Natur der Dinge. pe

WENN …

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… an einem ganz normalen Samstagnachmittag im März ein Haufen Dudelsack spielender Männer in Schottenröcken mitten durch Vila Madalena spaziert, kann es sich eigentlich nur um eine Veranstaltung anlässlich des St. Patrick’s Day handeln. Und so war es dann auch. pe

SÃO PAULO: ALAAAAAF

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Da brauchen wir drei Jahre, um DEN Rosenmontagszug São Paulos zu finden …. tztztz. Aber lieber spät als nie!!! Das Ganze stellt sich natürlich ein klein wenig anders dar:

Es ist um die 30 °C, was sich auf die Wahl der Kostüme auswirkt – eher weniger statt mehr. Es gibt vorne weg einen Wagen, statt Prinz mehrere Sänger, statt Kapelle eine Batterie von Lautsprechern, damit es auf keinen Fall zu leise ist. Die Leute stehen zwar an der Straße und schauen zu, tanzen aber noch viel lieber hinter dem Wagen her.

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Es werden keine Kamelle oder „Strüssje“ geworfen, dafür wird mit Sprühschaum rumgespritzt (wurde wahrscheinlich extra für Karneval erfunden und macht sofort ein Kostüm, wenn man den ab bekommt 😉 )

Und was wirklich seeeeehr praktisch ist: die Getränkedosenverkäufer gehen auch mit, so dass für Erfrischung jederzeit gesorgt ist und man sich selbst um nichts als tanzen und singen kümmern muss. Der Brasilianer denkt praktisch.

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DER „Zoch“ findet immer am Rosenmontag im Stadtteil BelaVista/Bixiga statt, dem Little Italy São Paulos. Ab 14 Uhr beginnt dort die Parade durch das „Veedel“, veranstaltet vom „BLOCO ESFARRAPADO DO BIXIGA“ (die Zerlumpten aus Bixiga), dem ältesten Bloco der Stadt. Er wurde 1947 gegründet und hat dieses Jahr 65jähriges Jubiläum.

Dieser kleine Umzug hat uns den Wehmut, nicht in Köln zu sein, regelrecht weggezaubert. Da ist soviel Lebensfreude und Energie und es macht richtig Spaß, mitzulaufen. pe

Hier ein Werbefilm zum Fest:
>>> Bloco Esfarrapado

Und hier der eigene mit spitzen Karnevalsmusik:
>>> bloco

Alle Bilder in der Galerie:
>>> Galerie

ROGER

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Manchmal ergibt ein Foto rückwirkend Sinn. Diesen Obdachlosen habe ich vor etwa einem Jahr im Centro in São Paulo fotografiert, tief schlafend inmitten seiner Hunde. Heute lese ich bei Facebook, dass der Mann Roger heisst, aus Bahia stammt, auf den Straßen von São Paulo lebt und Straßenhunde aufnimmt – mittlerweile hat er zehn. Er ist wohl sehr beliebt in seinem Viertel und erhält ausreichend Spenden, die er primär für die Versorgung der Tiere einsetzt. Und jetzt verstehe ich auch das Graffiti hinter ihm auf der Wand! Danke Bine für die Info! pe

NESTNEWS

Seit kurzem verlässt das Weibchen das Nest nur noch selten und heute habe ich die Gunst der Minute genutzt, um mal heimlich hinein zu fotografieren. Siehe da! Jetzt wird es knapp 3 Wochen dauern, bis zwei neue kleine Kolibris schlüpfen werden. Das Nest wird übrigens hauptsächlich aus Spinnweben gebaut, die dann mit Moosen oder Gräsern stabilisiert werden. In unserem Fall auch mit Konfetti, so wie beim ersten Mal ;-). Die Spinnweben haben den Vorteil, dass die Kolibris ihr Nest überall hin“kleben“ können und dass es sich aufgrund ihrer Elastizität ausdehnt, wenn die Küken darin wachsen. Das Nest wächst einfach mit! Das‘ mal doll, oder? pe

TOLLE TÜREN

Sind diese alten Türen nicht wunderschön? Aufgenommen in Santana de Paranaíba, einem kleinen Kolonialstädtchen in der Nähe São Paulos. Da war schon früh (gegründet 1580) richtig was los, da der Ort durch den Fluß Tietê mit São Paulo verbunden ist und als Ausgangspunkt zur Entdeckung und Eroberung des Inlandes genutzt wurde. pe

 

HELD DER WOCHE

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Da sehe ich schon Arbeitsschutzbeauftragte die Backen aufblähen … aber kein Grund zu erhöhter Sorge: ein Fassadenanstrich auf diese Weise ist hier völlig normal. Auch die Form der Sicherung – nicht des Malers, sondern die der Farbe und der Rolle … ;-)! Ich brauche wohl nicht zu erwähnen, dass der Mann auf dem Foto gerade den 12ten Stock frisch macht! pe

JUTE STATT PLASTIK

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Na soooo weit ’simmer‘ hier noch nicht, aber immerhin hat es jetzt eine weitgreifende ökologische Entscheidung gegeben: Seit dem 25.01.2012 dürfen in den Supermärkten São Paulos nicht mehr die kleinen Wegwerfplastikbeutel ausgehändigt werden. Bisher wurde großzügig mit den kleinen Beuteln umgegangen – teilweise landete nur ein Produkt darin, da die Packer die Angewohnheit haben, die Waren inhaltlich voneinander zu trennen. Da wäre niiiiiemals ein Shampoo neben einem Paket Käse gelandet – Nein Pfui. So kam es schon mal vor, dass man mit 10/20 dieser kleinen Tüten zu Hause ankam.

Stattdessen gibt es nun recyclete große Tüten, die man kaufen muss. Die ersten Protestaktionen haben prompt stattgefunden. Verbraucher fordern, dass die Supermärkte die neuen Beutel kostenfrei breitstellen, die Gewerkschaft der chemische Industrie sieht im Verbot lediglich den Wunsch der Märkte, die eigenen Gewinne zu steigern. Und das „nationale Institut zur Verteidigung der Konsumenten“ (toller Name!) ist in Sorge, dass die Handelsunternehmen nun gezwungen werden könnten, ihre Waren transportfähig anzubieten, wenn die Verbraucher sich weigern sollten, die Beutelchen zu nutzen. Diese wiederum nehmen einfach alte Pappkartons, die sie selber mitbringen und recyclen so auf ihre Weise. Also viel Lärm um nichts!

Wir haben unsere, schon vor Monaten erstandene, Einkaufstasche und fallen nun nicht mehr auf, wenn wir die Einpacker an den Kassen bitten, diese zu benutzen. Ein wenig Widerwillen gibt es immer noch bzgl. der Zusammenlegung unterschiedlicher Nahrungsgruppen, aber ich bin zuversichtlich: Das wird schon!

Ein kleines bißchen trauere ich den Beutelchen allerdings schon hinterher, denn die waren irre praktisch, um damit die kleinen WC-Eimerchen auszukleiden, die benötigt werden, um das WC-Papier darin zu entsorgen. Einfach ab- und wegspülen ist nicht, denn dann würden die maroden Abwasserleitungen rasch verstopfen und was dann folgt, will kein Mensch. Jetzt werde ich mich mal auf die Suche nach einer Alternative machen, bzw. heute erstmal meine Sprachlehrerin Lena befragen, was sie über das Thema denkt und wie sie nun mit dem Beutelchen-Problem umgeht. pe

VERBOTE

Als ich letzte Woche am Strand zum ersten Mal ein Schild sah, auf dem darum gebeten wurde, NICHT mit dem Auto AUF den Strand zu fahren, musste ich noch grinsen, denn der Brasilianer braucht tatsächlich teilweise Verbote für Dinge, die doch eigentlich selbstverständlich sind. Mit dem Auto auf den Strand??? Schon einen Tag später sah die Sache ganz anders aus, nämlich als wir beschlossen, AN den Strand von Jureia zu fahren.

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Dieser Strand erstreckt sich über 20 km, ist sehr wild und verlassen und an seinem nördlichen Ende wuchert der Regenwald ins Meer. An seinem Anfang sind wir gelandet und waren etwas irrtiert, als ein kleiner Bus, bepackt mit biertrinkenden und grölenden Brasilianern an uns vorbei zog, zum Strandzugang durch eine Düne bretterte und dann Richtung Norden verschwand.

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Da haben wir nicht lange überlegt – und sind hinterher! (Ja ich weiß: Böse, Böse, ja ich weiß!!!) Aber eigentlich hat dort keiner wirklich überlegt – auf dem Strand parkten jede Menge Autos und viele sind auf diesem Weg natürlich auch weiter nach Norden gefahren. 😉 Und bis auf einige Prile, die man durchqueren musste, übrigens eine sehr angenehme Fahrbahn und ein riesen Spaß!

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Irgendwann hieß es dann via Schild: „Stopp, hier bitte nicht weiterfahren, Gefahr stecken zu bleiben!“ (Aha, man ging also von offizieller Seite doch klar davon aus, dass die meisten allen Verboten zum Trotz mit dem Auto anreisen würden – großartig!). Wir haben also sicherheitshalber geparkt und sind zu Fuss los. Der kleine Bus vor uns übrigens nicht. Die haben kurz eine kleine Schleife gedreht, sind durch den Pril und holla die Waldfee weiter …

Etwa eine Stunde später folgendes Bild:

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Nun ging mir allerdings auch etwas der Hut, denn die Flut war zu allem Überfluss im Anmarsch und ich hatte überhaupt keine Lust, etwas ähnliches zu erleben, nämlich auch stecken zu bleiben. Also hab ich unseren Rückweg „erquengelt“, was bedeutete, nicht bis zum Ende laufen, nicht den Regenwald genießen, sonder Ratz Fatz zurück. Ganz bald saßen wir dann auch wieder im Auto und sind heil durch die Einfahrt/Ausfahrt-Düne gefahren, ohne dass Schlimmeres passiert wäre. Puuuuh!

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Das Auto ließen wir nun außerhalb des Strandes und bauten unser Lager in der Nähe direkt hinter ein paar Hölzern auf, die in den Boden gerammt waren, damit niemand durch- und auf die andere Seite fahren kann. Das nenn ich mal ein funktionierendes Verbot! 🙂 Dort hatten wir dann großen Spaß, die weniger glücklichen Fahrer beim Versuch zu beobachten, durch die Düne zu kommen, denn die Spurrillen waren zwischenzeitlich vollkommen ausgefranst. Da wurde Anlauf genommen und geschoben und getrickst, dort versammelten sich Menschen, die gute Ratschläge oder ein zupackendes Wesen hatten, um den Steckengebliebenen zu helfen, doch erst ein LKW – ja genau – ein LKW AUF dem Strand brachte die Spur letztendlich wieder ans Laufen.

Am sympathischsten an der Geschichte finde ich, dass der Brasilianer ein Verbot auf Schilder schreibt, dieses dann später noch mal verstärkt, nach dem Motto: „Doch, es ist uns wirklich ernst“ um dann zum Schluss eine Sperre aufzubauen, weil er genau weiss, dass sich keine Socke daran hält 🙂 pe

DIE ZOCKER VON IGUAPE

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Iguape ist eine kleine Kolonialstadt im Süden des Bundesstaates São Paulo und etwa 2,5 Autostunden (unter normalen Bedingungen – dazu ein ander‘ Mal mehr) von São Paulo entfernt. Nah am Meer gelegen, mit einer vorgelagerten Insel, der Ilha Comprida, einem reichhaltigen Angebot an Krustentieren und Fischen aufgrund der üppigen Mangrovenlandschaft, einem fruchtbaren Tal im Rücken – also allem, was man rein geografisch gut gebrauchen kann, um eine florierende Handelsstadt zu werden.

Das wurde man auch – vor allem dank des Reisanbaus und dessen guter Qualität – sodass Mitte des 19Jhds blühender Wohlstand herrschte: 5 Reisfabriken sorgten dafür, dass wöchentlich etwa 10 Frachtschiffe Richtung Europa aufbrechen konnten, Banken handelten die Deals aus und finanzierten die Unternehmungen, 6 Zeitungen kursierten, es gab ein reichhaltiges kulturelles Angebot, zum Teil mit europäischen Künstlern und sogar ein französisches Konsulat. Im Netz las ich, dass die Stadt etwa die Bedeutung Rios oder Salvadors hatte – damals. Heute nicht mehr. Was war denn da los?

Nun, der Abtranport der Waren aus dem Hinterland lief den findigen Geschäftsleuten einfach nicht perfekt genug, denn die Ware musste über einen Fluß, den Ribeira, transportiert werden, wurde dann auf Wagen umgeladen, zu einem Hafen gebracht und konnte dort erst verschifft werden. Doof, wenn man das Ganze doch theoretisch komplett auf dem Wasserweg lassen und damit logistisch vereinfachen könnte, indem man einen Kanal baut, der Fluss- und Seeweg miteinander verbindet um damit die künftige wirtschaftliche Lage aufs Feinste zu optimieren.

Gesagt – Antrag gestellt! Dank der Bedeutung der Stadt gelang es, das Anliegen beim damaligen König Don Pedro II vor- und durchzubringen, sodass der Kanal dann 1855 fertiggestellt werden konnte, stolze 4 km lang. Doch leider hatte man die Rechnung ohne den Fluss gemacht: Die Wassermassen hatten nun eine prima Abkürzung Richtung Meer, wurden reissender und spülten gleich mal alles drumhherum mit weg. Iguape Land unter!

Kein Hafen mehr, keine Geschäfte mehr und somit gab es einen rapiden wirtschaftlichen Abstieg, der zur Folge hatte, dass viele Bewohner die Stadt verliessen. Die wenigen, die blieben hatten mit einem weiteren Problem zu kämpfen, denn der Bestand an Krustentieren und Fischen dezimierte sich rasch aufgrund der ernormen Süßwassermengen.

Erst durch die Einwanderung der Japaner Anfang des 20ten Jhds. stabilisierte sich die Region wieder. Heute werden dort Reis, Tee und Bananen angebaut, Krustentiere gefangen und der Tourismus wird sanft und ökologisch gefördert. pe

AUF EIN NEUES

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23 Grad, kein Regen und freundliche Aussichten – so darf das neue Jahr in São Paulo gerne beginnen! Wir fanden es sehr schön in Deutschland und haben uns gefreut, all die Lieben wieder zu sehen. Dankeschön für die gute Zeit! Es hat auch dieses Mal leider nicht mit allen geplanten Treffen geklappt, aber da wir jetzt nur noch ein halbes Jahr hier bleiben, ist die Zeit ja nicht mehr so lang und man sieht sich „jetzt in Echt“ im SOMMER! pe & jo

FUTEBOL IN SÃO PAULO

Als wir nach São Paulo kamen wurde uns recht schnell Eines klar: In Sachen Fußball hat man hier keine liberale Einstellung, man ist Fan, man steht nur auf einer Seite und man muß sich entscheiden: FC São Paulo oder Corinthians oder Palmeiras. Basta!

Jeder Club pflegt ein Image, welches sich aus seiner Herkunft erklärt. Als Beispiel: Ein einfacher Arbeiter aus der Zona Norte wird vermutlich NIIIEMALS Fan vom FC São Paulo sein können, wenn er in seinem Viertel lebend die Straße überqueren möchte. Dieses Imageding ist wahrscheinlich in deutschen Fußballclubs auch nicht anders, oder ihr Fußballexperten? Als dann, hier die Szene São Paulos:

SPFC

Der FC São Paulo (SPFC) wurde 1930 gegründet, dann ein zweites Mal 1935. Beim zweiten Mal wurden zwei Vereine zusammengelegt, die bereits um die Jahrhundertwende aktiv waren. Einer davon, Athletico São Paulo, zählt zu den Ersten der brasiliansichen Fußball-Liga. In seinem Gründungsjahr 1901 war Fußball in Brasilien noch nicht populär. Die Briten hatten den Sport mitgebracht, daher spielte man in den ersten Jahren ausschließlich im elitären Kreis britischer Einwanderer beziehungsweise in der Oberschicht.

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Damit kommen wir zu den Corinthians Paulista. Dieser Verein wurde 1910 gegründet und sollte, im Gegensatz zum „britischen“ Prinzip, ein Fußballverein für alle, also auch für die einfachen Arbeiter sein. So wurde auch der Name der englischen Amateurmannschaft „Corinthians“ übernommen, die im Jahr 1910 alle Spiele gegen brasilianische Teams (Oberschicht) gewannen. Das Image des „Arbeiterclubs“ haftet den Corinthians bis heute an und wird liebevoll gepflegt. Dies gilt im übrigen auch für das elitäre Image des FC São Paulo, der passenderweise sein Heimatstadion in Morumbi hat, einem wohlhabenden Stadtteil São Paulos.

PALMEIRAS

Palmeiras, die Dritten im  Bunde, gibt es seit 1914. Gegründet wurde der Club von Corinthians-Anhängern italienischer Abstammung, die, inspiriert durch den Besuch zweier italienischer Fußballvereine, nun ihr eigenes Team haben wollten (typisch Italiener!): genannt Palestra Itália – heute Palmeiras. Schnell wanderten viele ehemalige Corinthians-Anhänger ab, die in der Folge als Verräter bezeichnet wurden. Bis heute lebt diese Rivalität und die beiden Clubs sind wirklich erbitterte Gegner.

Vorgestern standen Palmeiras gegen Corinthians im Heimatstadion der Corinthians „Pacaembu“ in der Entscheidung zum brasilianischen Fußballmeister. Palmeiras war schon lange raus, aber die Corinthians hatten als Tabellenerster eine gute Chance, wenn sie das Spiel gewinnen oder der Tabellenzweite, Vasco da Gama aus Rio, nicht mehr als ein Unentschieden schafft. Zweiteres ist geschehen und im Anhang der Jubel der Corinthians-Fans in unserem Veedel kurz nach Abpfiff.

Übrigens: unsere Straße scheint halbehalbe Corinthians/Palmeiras zu sein. Das können wir jeden Spieltag hören, wenn sich die Fans der beiden Mannschaften quer über die Straße Schimpfworte an den Kopf brüllen oder sich ein Gefecht mit Krachern liefern. Chupa (Sch…lutscher) ist dabei der Ausdruck allererster Wahl 🙂 pe

>>> zum Film Corinthians

BALD IST WEIHNACHTEN

São Paulo macht sich für die Feiertage parat und das geht auch an unserem Condominio nicht spurlos vorbei. Seit Tagen werden Lichterketten und Lampen verkabelt, künstliche Tannengirlanden an den Eingängen drapiert und einen mechanischen Santa werden wir auch bald auf der Wiese haben, der den Deckel von einer Kiste abhebt, in der ein Schneemann wohnt. Jawohl! Alles wird mit ganz viel Sorgfalt und Liebe zum Detail hergerichtet und ich finde es ganz rührend, daher kann ich euch nicht den Blick vorenthalten, den wir neuerdings morgens haben, wenn wir den Aufzug verlassen! pe

20 TAGE

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Weg sind se 🙁 Gestern wollte ich ein neues Update-Foto machen, denn die beiden saßen bereits seit zwei Tagen auf dem Nest und sahen schon ziemlich „fertig“ nach Kolibri aus. Als ich das Fenster aufschob, gab es mächtig Geflatter! Sissi wählte den direkten Weg die Wand herunter, was ziemlich nach Absturz aussah und Franzerl flatterte erstmal souverän nach hinten, bevor er sich seinem Geschwister anschloss.

Die Suche in den Blumenrabatten vor dem Haus ergab zum Glück keine kleinen Vogelleichen, sodass wohl davon auszugehen ist, dass die beiden es auf den nächsten Baum oder sonst wohin geschafft haben. Puuuhhh! Die spontane und ungewollte Nestflucht war leider etwas früh, aber spätestens in 7 Tagen wären sie wohl von allein losgeflogen, denn die Brutzeit dauert normalerweise 4 Wochen. Damit tröste ich derzeit mein schlechtes Gewissen.

Die Mutter suchte gestern noch eine Weile unter lautem Gepiepse die Fenster ab – heute morgen war sie nicht mehr da.

Alles Gute Sissi und Franzerl :-)! pe

LEGO BAUEN

Derzeit findet in São Paulo die Architekturbiennale unter dem Motto „Architektur für alle“ statt. Und wie könnte man „ALLE“ besser glücklich machen, als eine große Holzplatte auf Böcke zu stellen und ca. 1 Mio. Legosteinchen darauf auszukippen mit der Bitte, auf dem Gelände eine Stadt zu errichten.

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Dem sind wir auch gerne gefolgt und habe fast 2 Stunden lang Legotürmchen zusammengepuzzelt. Jo hat sich für einen Nachbau des Sambodromo entschieden, um dem Brasilianer ein wirklich wichtiges Stück Kulturgut in die Stadt zu setzten, welches dann aber in einem späterem Bauabschnitt zu einer Kathedrale umgemodelt wurde, was mir inhaltlich besonders gefiel! Leider war es nicht der Kölner Dom – das ist uns zu spät eingefallen. Ich wollte was Hohes Rundes und Größenwahnsinniges, aber leider gingen irgendwann die grauen Klötzchen und die Lust aus – daher nicht ganz so wahnsinnig hoch.

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Spaß hat das gemacht – mehr Spaß als die eigentlichen Exponate der Biennale anzuschauen. Diese werden relativ müde auf einigen Stellwänden und per Touchscreen präsentiert, obwohl die Projekte an sich spannend sind. Zum Beispiel gibt es einen Bericht über die Anstrengungen der Stadt, die Favelas zu reurbanisieren und den Menschen vernünftigen, bezahlbaren und praktikablen Wohnraum zur Verfügung zu stellen, aber gleichzeitig im Kontext der bisherigen Optik zu bleiben – also bunt und kleinteilig, wie es die Hütten bisher waren. Vielleicht soll die lustige und bunte Farbe über den eigentlichen Zustand hinwegtäuschen, denn was dabei herauskommt ist ziemlich fragwürdig und teilweise schon in São Paulos Randgebieten zu beobachten.

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Dann gibt es dieses Jahr einen Schwerpunkt Städteplanung und -Bau, wo zum Beispiel neben norwegischer, italienischer oder holländischer auch die deutsche Architektur mit dem Thema „Baukultur“ beleuchtet wird. Letzteres allerdings in einem anderen Gebäude und in einem anderen Stadtteil und ich glaube kaum, dass „ALLE“ den Weg dorthin finden, zumal es leider keinen Shuttlebus oder ähnliches  gibt. Wir haben uns das auch für einen anderen Tag vorgenommen.

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Last but not least lohnt sich ein Besuch der Biennale wegen des Gebäudes, indem sie untergebracht ist. Es wurde, analog der Bauweise der indigenen brasilianischen Rundhütten, „OCA“ genannt und gebaut hat es – wie könnte es anders sein – der Herr Niemeyer. Es befindet sich im Ibirapuera-Park nur einen Steinwurf vom eigentlichen Biennale-Gebäude entfernt. Von außen wirkt die OCA-Halbkugel ziemlich klein, aber innen befinden sich 4 Ebenen, die durch geschwungene Rampen verbunden sind. Es gibt keine Räume, alles ist offen und die Fläche ist frei gestaltbar, weswegen das Gebäude fast ausschließlich für Events etc. genutzt wird.

Die Biennale läuft noch bis zum 4ten Dezember und vielleicht müssen wir da nochmal hin, um doch noch einen kleinen Dom aufzustellen 😉 pe

BEIJA-FLOR #3

eins

PARABÉNS!!! Habe heute mal vorsichtig ins Nest gespinkst, als die Mutter weg war und siehe da! Hier sind se, die kleinen Halloween-Pintinhos (sprich Küken) 🙂 Schaut euch mal dieses Luxusnest an … was für eine Polsterung! Jetzt brauchen sie natürlich Namen und Vorschläge sind herzlich willkommen! pe

FOZ DO IGUAÇU

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„Poor Niagara“ soll Eleanor Roosevelt beim Anblick der Wasserfälle gesagt haben (Quelle: Wikipedia). Jo und ich waren eher bei: Wie geil ist das denn, unglaublich oder kraaaaass!

Die Iguaçu-Wasserfälle liegen im Grenzgebiet zwischen Argentinien und Brasilien, die Grenze bildet der Verlauf des Flusses Iguaçu. Iguaçu stammt aus der indigenen Guaraní-Sprache und bedeutet so viel wie „großes Wasser“. Wohl wahr, hier ein paar Fakten: Die Fälle  sind mit 2.700m die breitesten der Welt und stehen seit 1984 unter UNESCO-Schutz. Durchschnittlich stürzen etwa 1.700 Kubikliter pro Sekunde in zwei Stufen 75 m hinab, bei starkem Regen können das aber auch bis zu 7000 Kubikliter sein. (Letzte Woche war es wohl Zweiteres, denn es hat leider pausenlos geregnet).

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Der größte Teil der Fälle liegt auf argentinischer Seite, dafür hat der Brasilianer die beste Totalansicht. Oder nicht? Hier beginnt ein wichtiges Thema: Hat nun der Brasilianer oder der Argentinier die bessere Seite? Stellt euch vor, es gäbe ein vergleichbares Naturschutzgebiet  zwischen Holland und Deutschland – dann habt ihr in etwa eine Idee von Ausmaß der Spekulation 😉

Wir haben zuerst die brasilianische Seite besichtigt, da ein Mitarbeiter unseres Hostels sagte, es sei besser so, ansonsten käme, wenn man die argentinische Seite zuerst gesehen hat, einem die brasilianische Seite vor wie „Shit“. Argentinier eben.

BRASILIANISCHE SEITE

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Ganz kann ich das nicht unterschreiben. Auf der brasiliansichen Seite hat man einen spektakulären Panorama-Blick auf beide Teile der Fälle (Garganta del Diabolo und San Martin). Ein kurzer Wanderweg verläuft entlang der Schlucht und endet an einem Aussichtspunkt mitten in den Fällen. Dort ist Nasswerden  durch die heraufwirbelnde Gischt garantiert, aber das wird durch einen fantastischen Blick belohnt. Also unbedingt bis ans Ende der Plattform gehen, wenn ihr mal dort seid.

Man kommt auf der brasilianischen Seite am nächsten an die Fälle heran und kann dort zum Beispiel Vögel beobachten, die hinter dem Wasservorhang ihre Nester gebaut haben und mittendurch hineinfliegen. Man mag das nicht ganz glauben, denn der Wasserdruck ist ja immens, aber irgendwie schaffen die Tierchen das, ohne herabgerissen zu werden.

ARGENTINISCHE SEITE

Meist beginnt die Tour auf der argentinischen Seite mit einem Blick in die Teufelsschlucht (Garganta del Diabolo). Man gelangt per Bahn und über Stege bis an die Wasserkante und hat einen Blick von oben in die Schlucht hinein, wobei spätestens dann der Name vollkommen klar wird. Früher hat man die Toten oberhalb der Fälle ins Wasser geschoben, wo sie dann in die Schlucht stürzten und damit aus den Augen der Trauergemeinde verschwanden. Beerdigung leicht gemacht.

Im Anschluß lohnt sich die Wanderung entlang der markierten Wege, denn es gibt immer wieder spektakuläre Aussichten auf die Fälle, von oben wie von unten. Selbstredend ist das Ganze sehr touristisch, denn Die Fälle sind ein absolutes Muss, wenn man Argentinien oder Brasilien besucht. Man riet uns, sehr früh am Tag dort zu sein, aber ich glaube, es ist völlig egal, zu welcher Zeit man die Tour macht – es ist einfach immer voll und daher ist es am Besten, man entspannt sich auf hohem Niveau.

Last but not least haben wir eine Bootstour mitgemacht, wo es dann mit Speedbooten ganz nah an die Fälle herangeht oder sagen wir, in die Fälle hinein? Das ist primär Fun und man wird, wie auf der brasilianischen Seite, garantiert nass, nur mit dem Unterschied, dass man auf dem Boot klitschnass wird. Daher empfiehlt es sich, so viel wie möglich auszuziehen und in die bereitliegenden wasserfesten Säcke zu packen – am besten in Badekleidung die Bootstour machen, wenn das Wetter gut genug ist.

Oder die Bootstour ans Ende des Besuchs legen und dann mit den nassen Klamotten auf dem schnellsten Weg zurück ins Hostel fahren und ab unter die Dusche  … so haben wir das gehalten, denn bei Dauerregen war an natürliches Trocknen nicht zu denken. pe

BEIJA-FLOR #2

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Was für eine schöne Überraschung! Vor ein paar Tagen habe ich ein kleines, etwa hühnereigroßes Nest hinter unserem Schiebefenster entdeckt, das mir vorher noch nie aufgefallen war. Aber kein Wunder, denn diesen Teil des Fensters hatten wir jetzt eine lange Zeit verschlossen, da es so kalt war. Heute morgen habe ich es Jo gezeigt und noch während wir darüber nachdachten, welchem Tier wir das wohl zu verdanken haben könnten, flatterte eine Kolibri-Mom vor und setzte sich drauf. Dä!

Jetzt heisst es ganz vorsichtig sein (trotz sehr guter Pirsch-Quallitäten >>> siehe Artikel ) und das Schiebefenster schön geschlossen halten, damit wir die Mom nicht vertreiben. Dazu habe ich einen alten Zahnarztspiegel als Spionagegerät bereitgelegt, mit dem ich nun den Stand der Dinge verfolgen kann. Herrlich 🙂 pe

EINE BESONDERE SITUATION

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Schon häufig haben wir uns hier mit der Frage auseinandergesetzt, wie gefährlich es in São Paulo wirklich ist. Wir persönlich empfinden keine unmittelbare Gefahr, wenn wir uns per pedes auf den Straßen bewegen, für manch Andere ist so etwas undenkbar. Auf die Frage, ob es in São Paulo eine Art kollektiver Angst gäbe, bekamen wir neulich eine bejahende Antwort. Denn trotz des Rückgangs der „harten“ Kriminalität seit Anfang des 21 Jhds hat sich die Angst vor Überfällen oder Morden fest in den Köpfen verankert – da ändern auch die positiven Kriminalstatistiken nichts.

Kollektive Angst in Deutschland? Vielleicht vor der Finanzkrise, aber doch sicher nicht vor Überfällen auf der Straße. Wir alle sind zum Glück anders sozialisiert und empfinden eine große und selbstverständliche Freiheit, wenn wir uns in der Öffentlichkeit bewegen. Oder? Diese Freiheit empfinde ich auch und so bin ich letzte Woche losspaziert, um bei uns im Veedel einige Street-Art-Wände für ein Projekt zu fotografieren. Der IPod war auf den Ohren, die Kamera schussbereit in der Hand und die Augen nur auf die möglichen Motive an den Wänden gerichtet. Ganz normal.

Beim Überqueren eine Straße registrierte ich einen Motoradfahrer, der mich musterte. Kurze Zeit später, ich stand gerade in einer relativ ruhigen Gegend, konzentriert auf ein Motiv, kam besagter Motoradfahrer wieder, hielt neben mir und sprach mich an.

Da die Musik ziemlich laut war, konnte ich kein Wort verstehen, dachte aber, der Typ wolle mich anmachen, denn er hatte vorher ziemlich dreist gestarrt. Daher schüttelte ich nur den Kopf, sagte deutlich aber freundlich NÃO (Nein) und ging weiter um die nächsten Motive zu finden. Und ließ ihn stehen, ohne mich umzudrehen – ein klares Signal, nicht weiter gestört werden zu wollen! Ich hab dann auch nicht weiter darüber nachgedacht, bis der Typ wieder auftauchte. Er stand in einiger Entfernung und schaute zu mir herüber, bevor er Gas gab und weiterfuhr. Zum Glück waren viele Menschen unterwegs, sodass ich mich relativ sicher fühlte, obwohl ich ihn bemerkte. Dennoch war mir die Situation nun nicht mehr ganz geheuer und so entschloss ich mich, ruhig aber bestimmt, den Heimweg anzutreten.

Die kürzeste Strecke war parallel zu einer 4-spurigen Schnellstraße, die dann quasi freestyle überquert werden musste, bevor die Treppe zu unserer Straße kam. Kurz vor dem Überqueren, dazu musste ich ein Stück über einen unbefestigten Weg gehen, registrierte ich den Motoradfahrer wieder, nun schon sehr nah hinter mir und da war mir klar: Der will defintiv irgend etwas von dir und der gibt auch nicht auf!

Ich bin rasch über die ersten beiden Spuren, er schaute mir nach wendete und gab Gas und ich wusste, dass er auf die Schnellstraße kommen und mich noch abpassen konnte wenn er fix genug war und eine günstige Ampelphase erwischte. Die brauchte ich aber auch, denn ich war nun auf dem Mittelstreifen und wartete die letzten Autos ab, bevor ich die beiden anderen Spuren, auf denen auch der Motoradfahrer hätte kommen können, überquerte. Da ging mir der Puls und ich fühlte das erste Mal Angst, dass ich es nicht schnell genug schaffen könnte. Wie ein Fuchs bei der Treibjagd. Aber ich war schneller, bin dann die Treppe hoch in unsere Straße und zügig nach Hause und war sehr froh, dass gerade wieder Passanten auf der Straße waren, ich also nicht allein war. Puuuhhhh – in Sicherheit!

Kurz vorm Eingang zu unserem Condominio war er da! Direkt neben mir. Er musste mich gesehen haben und irgendwie von der Schnellstraße aus den unbefestigten Trampelpfad neben der Treppe hochgekommen sein. Er streckte die Hand aus, schaute mich mit verquollenen Augen an und sagte „Camera“. Ich reagierte reflexartig mit „MINHA“ (Meine) und einem bösen Blick und das reichte zum Glück. Er gab Gas und verschwand so schnell, wie er gekommen war.

Erst zuhause, als ich Jo erzählte, was gerade beinahe passiert war, registrierte ich die Brisanz der Situation und was ich für ein Glück hatte. Wenn er gewollt oder über eine Waffe verfügt hätte, hätte ich zumindest beim ersten Versuch seinerseits keine Chance gehabt. So aber, durch die unglaubliche Ignoranz und Angstfreiheit, die ich ihm gegenüber ausstrahlen musste, da ich ihn ja akustisch nicht verstanden und nicht im Traum angenommen hatte, überfallen zu werden, war ich ein ernstzunehmender Gegner und er änderte die Taktik, um mich einzuschüchtern.

Vielleicht gings auch nur um Dominanz, denn ich verstehe bis jetzt nicht, warum er mich beim ersten Versuch nicht attakiert hat. Zum Glück war er nicht jähzornig, denn genauso gut hätte er sich provoziert fühlen können. Hier wird immer geraten: Wenn du überfallen wirst, gib einfach alles heraus und verhandle nicht! Dafür würde ich auch in jedem Fall plädieren! Nur: Dazu muss ja erstmal klar sein, dass man überfallen werden soll 😉 … Tschuldigung, aber das hat alles trotzdem eine gewisse Komik.

Jetzt bin ich um eine Erfahrung reicher und ganz dankbar, dass mein instinktives Verhalten offenbar in diesem Fall richtig war. Dennoch: Solche Touren, also ganz allein mit IPod und Kamera auf der Straße herumdümpeln und in aller Seelenruhe Wände fotografieren, gibts für mich nun leider nicht mehr. Da nehm ich mir demnächst den Jo mit. pe

VICE VERSA

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Das „Auf-dem-Kopf-Panorama“ von São Paulo kennt ihr aus dem alten Bloglayout. Das Foto entstand 2006, als ich Thomas und Verena zum ersten Mal besucht und dazu im Hyatt gewohnt habe, etwa dort, wo die Pfeilspitze endet. Fast genau 5 Jahre später nun der Gegenschuß, aus dem 16ten Stock in Brooklin. Danke Esther, war schön! 🙂 pe

STYLE-POLICE

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Neulich habe ich eine Diskussion auf facebook verfolgt. Es ging um 3/4-Hosen für Männer und die Frage, ob man das darf? Einhellige Meinung: Nein, darf man nicht! Das sollte die „Style-Polizei“ vebieten, genauso wie zum Beispiel Sandalen mit weißen Socken. Und diese Liste ließe sich wahrscheinlich endlos ausweiten.

Ich erinnere mich noch an den letzten Sommer. Ich hatte in São Paulo ein enganliegendes und dazu noch knallrotes Kleid gekauft und mit nach Deutschland genommen, um dort festzustellen, dass ich es auf gar keinen Fall tragen werde. Die Modediktatur hätte mich in der Luft zerissen, mit abgemalten Brüsten, Bauch und Po. So etwas macht man nicht, es sei denn …! Aber abgesehen davon, ich hätte mich das in Deutschland auch gar nicht getraut.

In Brasilien ist das weiblich, in Deutschland peinlich!

Man tut dieses oder jenes einfach nicht, weil es den Geschmackssinn der Allgemeinheit empfindlich stören könnte. Man hält sich an die geltenden Style-Spielregeln, fällt nicht allzu sehr auf und ist bestrebt, irgendeine, wie auch immer definierte, allgemeine Norm zu erfüllen! Wer es nicht tut, ist entweder Paradiesvogel, Style-Ikone oder peinlich, oder?

Eine Style-Polizei in São Paulo hätte sicher auch viel zu tun, wenn es nach den geltenden Moderegeln ginge. Und ich denke, recherchiert man das Thema Mode in São Paulo anhand sozialer Schicht und Hautfarbe, kommt zusätzlich noch einiges Unschönes aufs Tapet, definiert sich ein Modediktat auf ganz andere Weise. Aber das ist gerade nicht mein Punkt. Ich möchte auf die Freiheit hinaus, das zu tragen, in dem man sich selber gut und wohl fühlt.

Im Frühling hatten wir Besuch von Jo’s Schwester Anne aus München und ihr fiel extrem positiv auf, dass sich hier scheinbar jeder so kleidet, wie er mag und das mit einem ordentlichen Schuß Selbstbewußsein zur Schau stellt. Dazu gesellt sich eine ausgeprägte Körperlichkeit, wie ich ganz am Anfang schon mal in den „Buchstabengrößen“ beschrieben habe. Viele Frauen zeigen, was sie haben oder auch nicht und sind fein damit. Und Mann findet das sowieso in jeder gearteten Proportion in Ordnung!

Aber auch der Mann zeigt sich, was zum Beispiel bedeuten kann, dass im Park bei heißen Temperaturen gerne ausschließlich in Shorts, Strümpfen, Turnschuhen und mit Pulsmesser gejoggt wird, egal, ob da 55 kg, 80 kg oder 150 kg Lebendgewicht laufen. Früher dachte ich: O Gott, kann er sich nicht ein T-Shirt drüberziehen? Heute denke ich: Wow, Respekt, dass er das einfach „trotzdem“ macht!  Und ich finde es gut, weil es so frei ist und niemand fragt, ob sich das jetzt gehört oder nicht, oder was die Anderen davon halten.

Ob es daher kommt, dass es hier viel wärmer ist und es auch gar keine andere Chance gibt, als sich mit wenig zu bekleiden, was zum Ergebnis hat, dass man eben sieht, was da ist? Und wir im kalten Deutschland die Verhüllungsexperten sind, weil wir nur in drei Monaten im Jahr wenig anziehen können? Oder ob die Menschen hier doch einfach toleranter sind, weil sie durch 500 Jahre permanenter Einwanderung gelernt haben, mit dem „Anderen“ umzugehen? Und wir aufgrund unserer Geschichte das Anpassen hinreichend geübt haben? (Sicher ein interessantes soziologisches Thema.) Ich für meine Fälle werde die stylepolice-freie Zeit noch so gut und lang genießen, wie es geht. pe

PASTEIS

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Ich weiß gar nicht, was der Deutschen liebster Snack ist? Hier ist in jedem Fall das Pastel ganz oben auf der Wunschliste und darf demzufolge auf keinem Markt, keinem Fest fehlen. Auf dem Wochenmarkt finden sich meistens sogar 2 Pasteis-Stände, strategisch wirksam am Anfang und Ende des Marktes aufgebaut, damit man auf jeden Fall in Versuchung geführt wird. Nebendran noch ein Getränkestand und fertig ist der perfekte und nicht ganz kalorienarme Snack. Angeblich ca. 170 Umdrehungen … hmmm?

Pasteis sind Gebäcktaschen, die in heißem Fett ausgebacken werden und unterschiedliche Füllungen haben können, wie Käse, Fleisch, Palmito oder Würstchen. Aber auch Mischungen sind machbar – meist gibt es viele verschiedene Varianten, die für ca. 3,00 R$ (1,30 €) zu haben sind. Nachgewürzt wird dann zu Fuß mit scharfer Sauce oder einem Tomaten-Zwiebel-Relish. Da die Dinger zu einem vernünftigen Preis/Leistungsverhältnis ziemlich satt machen, ist an den Ständen zur Mittagszeit die Hölle los, denn die Gelegenheit, mal schnell ein Pastel zu verputzen, lässt sich der Brasilianer nur ungerne entgehen. Ich heute auch nicht 😉 pe

UND TÄGLICH GRÜSST …

… dr Dom! Keine Ahnung, was den Copyshopbesitzer geritten hat, ausgerechnet ein Foto vom Dom als Werbung über sein Geschäft zu pinnen – außer natürlich, dass es sehr hübsch ist und farblich perfekt zum Anstrich des Hauses passt. Kölsche Vorfahren? Oder Urlaubserinnerungen, oder …? Jedenfalls kommen wir mehrmals in der Woche daran vorbei und kommen nicht umhin, hinaufzuschauen und uns über den Gruß aus der Heimat freuen! pe

ILHÉUS ÄH ITACARÉ

Auf unserer Reise gab es zwischendurch immer wieder Tage, an denen wir nur im Auto gesessen haben, um schnell weiter Richtung Norden zu kommen. Ein Solcher war die Reise von Cumuruxatiba nach Ilhéus – ca. 400 km, also etwa 6 Stunden Fahrt. Die Stadt entpuppte sich aber leider als etwas schwierig bezüglich der Hotel- oder Pousadaausstattung und nach einiger Sucherei haben wir es aufgegeben, ein nettes Übergangsheim zu finden und beschlossen: Wenn wir schon 6 Stunden fahren konnten, dann können wir auch 7 fahren und es geht jetzt direkt weiter nach Itacaré.

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Auf der Karte bis dorthin ein Katzensprung. Schnell wurde die erwählte Pousada telefonsich verständigt, die Dame am anderen Ende der Leitung versicherte uns, dass ein hübsches Zimmer frei sei und dann gings los. Uhrzeit etwa 17h, das heißt kurz vor Dämmerung. Ich war nun die Chauffeuse, da Jo den größten Teil der bisherigen Strecke am Steuer saß und sich eine Pause verdient hatte. Hmmm, schon Dämmerung. Blöd! Saublöd! Ich fahre nicht gerne bei Dunkelheit und hab mehr als eine gefühlte Nachtblindheit. Aber gut, ist ja nur eine Stunde, also Augen auf, Brille davor und durch. Hab ich gedacht.

Das Navi führte uns denn auch aus der Stadt heraus, durch mehrere Dörfer und alles schien fein, bis wir auf einmal wieder die Bundesstraße BR 101 erreichten. Laut Karte ganz klar: da hätten wir eigentlich nicht wieder aufkreuzen sollen. An der nächsten Tankstelle dann Gewißheit: Wir waren falsch gefahren und hätten schon kurz hinter Ilhéus abbiegen müssen. Dorthin zurückzufahren wurde seitens des Tankwarts als sehr unpraktisch beschrieben, denn es gab 2 Alternativen, von denen keine besser war als die Andere: Piste! Mittlerweile war es stockfinster und ich meine: stockfinster und die Vorstellung, jetzt über Piste durch die Gegend zu fahren fand ich mehr als bescheiden. Aber alles wieder Retour?

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Piste heisst: Kein Asphalt, sondern das, was als Untergrund zur Verfügung steht, Schlaglöcher bis hin zu Gräben, Spurrillen und Mulden, je nach Wetter Schlammlöcher … also perfekt, wenn man einen Jeep hat! Und keinen Scenic! (Da würde sich der Brasilianer jetzt amüsieren, denn er macht das mit so ziemlich jedem Gefährt!) Bei Tageslicht macht das Pistefahren auch Spaß! Man muß halt aufpassen, dass es nicht zu sehr unterm Unterboden schrammt oder sich die Achsen verhaken. Aber bei Nacht? Ohne eine einzige Straßenlaterne, ohne Menschen in der Nähe, total allein? Nun: „This Job had to be done“ und daher lehnte ich ab, als Jo vorschlug, er könne fahren und dachte mir: Das ziehste jetzt bis zum bitteren Ende durch und machst dein Seepferdchen, Frei- und Fahrtenfahrer direkt in Einem. So!

2 1/2 Stunden hat die Reise durchs nächtliche Bahia gedauert, 45 Kilometer waren es am Ende. Unterwegs ab und zu ein Dorf oder wie aus dem Nichts Cowboys auf Pferden, ein Reisebus oder Fußgänger und ansonsten Schwärze und irgendwo ein Fluß.  Schneller als 40 km/h konnte man nicht fahren und das Navi war schon lange nicht mehr in Betrieb, zeigte immer die gleiche Entfernung und verbleibende Fahrtzeit an, sagte aber zum Glück nicht: Bitte wenden!

Gegen 21h erreichten wir die Pousada und die Wirtin hatte auf uns gewartet. Als wir ihr erzählten, wie wir gefahren waren, wollte sie es nicht glauben. Sie sagte, die Strecke sei doch total einfach, führe fast die ganze Zeit am Meer entlang und es wären ca. 50 km, also easy in einer Stunde zu erledigen. Tja? Aber jetzt der gute Teil: Es hat nur den CD-Player erwischt, ansonsten keine Verletzungen am Auto und es gab eine wundersame Heilung in Sachen Nachtblindheit 🙂 pe

PS: Von der Fahrt gibt es natürlich keine Bilder – war ja dunkel und sehr aufregend – dafür aber von Itacaré, einem hübschen Surferdorf, wo wir dann letztendlich 5 Tage geblieben sind, bevor es weiter nach Salvador ging.

WHAT A DAY!

Heute um 14 Uhr hatte ich einen Termin bei unserem Lieblingszahnarzt, Jo um 15 Uhr beim Hausarzt. Also sind wir gemeinsam durch die Tür, Jo hat mich vor der Arztpraxis abgesetzt und ist dann weiter zu seinem Date gefahren. Bis dahin alles fein! Beim Zahnarzt dann fragende Blicke und was ich denn schon hier wolle, mein Termin sei doch erst für 15 Uhr im Computer vermerkt. In meinem Timer übrigens auch – wer liest ist klar im Vorteil. Also doof – eine Stunde warten – dafür Vanity Fair lesen und Klassik hören!

Nach 2 Stunden wieder Zuhause angekommen stellte ich vor der Eingangstür fest, dass sich kein Schlüssel in meiner Tasche befand und dass Jo wohl noch unterwegs sein müsse, öffnete doch niemand die Tür trotz mehrmaligen Klingelns und lauten Fluchens. Unnötig zu erwähnen, dass ich auch weder das Handy dabei, noch Jos Telefonummer im Hirn hatte, wir uns demnach nicht erreichen konnten. Also ganz toll – wieder warten – diesmal im Treppenhaus.

Als nach anderthalb Stunden immer noch kein Jo auftauchte wurde ich langsam unruhig. Außerdem war es im Treppenhaus nicht nur stockdunkel, sondern mittlerweile auch gefühlt unter Null Grad kalt und ich war fürs draussen warten doch ein wenig zu dünn angezogen. Was tun? Am Besten erstmal in der Portaria (also bei den Herren, die unten am Eingang aufs Haus aufpassen) nachfragen. Zum Beispiel, ob sie einen Generalschlüssel (oder Dietrich) haben oder mich zum Warten ins warme Fitnessräumchen lassen. Haben sie. Ersteres natürlich Nein, Zweiteres Ja.

Na gut, eine Extra-Einheit Sport schadet nicht und macht zudem warm. Aber nach einer halben Stunde auf der Stelle Fahrrad fahrens, Gewichte hebens und Stepper tretens war immer noch kein Jo in Sicht und Madame mittlerweile doch sehr beunruhigt – es könnte ja etwas passiert sein. Dann vielleicht doch lieber den Schlüsseldienst herbeibitten und für teuer Geld die Tür aufsperren lassen, dafür aber bald wieder in der Nähe des Telefons sein – man weiss ja nie, sicher ist sicher.

Doch vor den Schlüsseldienst hat der liebe Gott die Portaria gestellt, in der ich mich nun häuslich niederlassen, meine Geschichte erzählen und derweil mit den beiden Herren etwa 300 Visitenkarten durchwühlen durfte, bis fest stand, dass keiner eine Nummer vom hiesigen Schlüsseldienst hatte. Daher wurde der Hausmeister herbeigerufen, der sich etwas besser in den tiefen Schubladen der Einbauschränke von 1970 auskannte und schnell Gesuchtes hervorzauberte. Gute Ratschläge gab es natürlich frei Haus. Und ein Stück Abendbrot-Pizza. Sehr gastfreundlich! Während des Wartens immer wieder der Blick auf die Überwachungsmonitore – denn es könnte ja sein, dass der Gatte doch noch vor dem Schlüsseldienst eintrifft?

Nun, dem war nicht so, der Schlüsselmann war schneller und hatte innerhalb von 2 Minuten die Tür geknackt. Wie sich das gehört. Und ich war 65 R$ ärmer – wie sich das gehört. Verglichen mit den Honoraren deutscher Schlüsseldienste ein fairer Preis. Auf dem Küchentisch dann ein Zettel vom Mann, dass er sich mit der Uhrzeit vertan hatte, statt 15 Uhr hätte er schon um 14 Uhr beim Arzt sein müssen. Nun sei er noch einmal losgefahren, um seinen Ersatztermin um 17.30 Uhr wahrzunehmen und es könne etwas später werden, ich solle also nicht mit dem Abendbrot auf ihn warten. pe

WERS GLAUBT …

Religion in Brasilien – ein weites Feld und ich fühle mich kaum in der Lage, das alles auseinander zu puzzeln, geschweige denn, fundiert zu erklären. Dennoch ist das Thema Religion oder Spiritualität hier allgegenwärtig und auf unserer Reise gab es viele Momente, in denen wir Glaube, Aberglaube oder Mystik begegnet sind. Als dann, versuche ich es mal …

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Zuerst erstaunt die große Anzahl von barocken Kirchen, die vor allem in Salavdor und Ouro Preto das Stadttbild prägen. Zu verdanken hat das der Brasilianer dem Portugiesen, denn er war es, der den Katholizismus im 16. Jhd. im Zuge der Kolonialisierung Brasiliens mitgebracht hat und natürlich Gotteshäuser zur Ausübung der Religion brauchte.

Äußerst praktisch war in dem Zusammenhang, dass Ende des 17. Jhds. im heutigen Bundesland Minas Gerais Gold gefunden wurde und man nun in der Lage war, es a) im großen Stile abzubauen, wozu afrikanische Sklaven ins Land entführt wurden, die dann zu Tausenden in den Minen verschlissen wurden und b) die Gotteshäuser als prächtig als möglich mit Gold auszustatten.

IMG_6692Goldüberzogene Hochaltäre, Säulen, Putten, Bildchen und Gedöns – herrlich, wenn man Spaß an Prunk hat. Daher zu empfehlen: Die Igreja de São Francisco in Salvadors Altstadt, die in diesem Sinne das goldigste ist, was ich bisher gesehen habe.

CANDOMBLÉ

Durch die Einfuhr der Sklaven vermasselte man sich allerdings das Monopol des Katholizismus, denn sie brachten ihre eigenen Gottheiten, genannt Orixas, mit. Das sah der Portugiese gar nicht gerne und verbot die pure Ausübung der afrikanischen Religionen, tolerierte es aber, wenn sie sich eines kleinen Tricks bedienten, nämlich der Tarnung unter dem Deckmantel des katholischen Glaubens. So ist z.B. Oxalá, Sohn der höchsten Gottheit Olorún, der die Schöpfungsenergie verkörpert, gleichgesetzt mit Jesus, Iemanjá, die Meeresgöttin, mit der Jungfrau Maria.

Diese Mischung existiert bis heute unter dem Namen Afro-Brasilianische Religion und die wichtigste ist wohl der Candomblé, der noch bis in die 70er Jahre des 20. Jhds. in Brasilien verboten war. Wir waren daher kaum verwundert, als man in einer katholischen Kirche in Salvador um Besucher für eine Candomblé-Zeremonie warb. Wir haben es uns auch angeschaut – 4 Stunden hat das Ritual gedauert – mit Trommeln, Tänzen, Trance, wunderbaren Kostümen. Sehr interessant und empfehlenswert. Hier ein kurzer Film

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IGREJA DO BONFIM

Ein besonderer Fall des afro-brasiliansichen Glaubens ist die Franziskanerkirche Igreja do Bonfim, im Candomblé Oxala gewidmet, im Katholizismus Christus. Bonfim bedeutet gutes Ende. Es ist das wichtigste Gotteshaus Salvadors und selbst Papst Johannes Paul II hat es 1997 besucht. Jedes Jahr im Januar werden bei einem Ritual die Stufen hoch zur Kirche von weißgekleideten Frauen gereinigt, um für erfahrene Gnade zu danken oder um Hilfe zu bitten.
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Vor der Kirche werden bunte Stoffarmbänder, die sogenannten Fitinhas verkauft, die mit drei Knoten, die drei Wünsche symbolisieren, um das Handgelenk gewickelt werden, alternativ für den modebewussten Brasilianer um den Zaun vor der Kirche. Die Wünsche gehen erst in Erfüllung, wenn das Band von allein abfällt. Abschneiden bringt Pech und so hoffe ich, dass an dem Glauben nix dran ist, denn ich hab mein Bändchen nach einer Zeit abgeschnitten, weil es zu eng gebunden war. Aber pssst, ist sicherheitshalber noch eins am Zaun!

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In der Kirche dann ein weiters Mysterium – die Ex Votos. Das sind Nachbildungen aller möglichen Körperteile, früher aus Holz, heute aus Wachs, die in einem Nebenraum der Kirche aufgehängt werden, verbunden mit dem Wunsch um Besserung oder Heilung, oder was eben so ansteht. Geht der Wunsch in Erfüllung, werden Dankesgaben gebracht und so ist im angrenzenden Museum eine wahre Fülle an verschiedensten Dingen zu bestaunen – Fußballtrikots legendärer Kicker, Füller von Politikern, Goldschmuck von Diven und so weiter. Rund um die Kirche kann man in kleinen Souvenirläden Ex Votos erwerben und ich hatte nicht übel Lust, ein Körperteil zu kaufen. Habs aber nicht gemacht – man soll sich ja nicht lustig machen.

FREIKIRCHEN

Auch wenn Brasilien zahlenmäßig noch die grösste katholische Gemeinde weltweit ist, geht der Anteil der Mitglieder zurück. Viele zieht es in die evangelikalen Freikirchen, Pfingstkirchen oder zu Sekten. Vor allem in den Armenvierteln scheinen diese Gemeinden zu boomen. Diese Kirchen sind nicht ganz unumstritten, da ihnen Profitmacherei via Glaube vorgeworfen wird.

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Den neuen Evangelikalen haben wir zufällig auf Buzios bei einem ihrer Rituale zugesehen. Eigentlich wollten wir zum Baden an einen kleinen Strand, ein bißchen Abgeschiedenheit und Ruhe suchen und waren gar nicht amused, als auf einmal wahre Ströme von weißgekleideten Menschen eben selbigen Strand aufsuchten.

Doch Empörung wich rasch Interesse, denn es handelte sich um eine kleine Kirchengemeinde, die das Ritual der Reinigung der Seele durchführte. Dazu stiegen drei Priester ins Wasser und tunkten nacheinander zu reinigende Mitglieder unter, die darauf hin auch sehr beseelt und fröhlich das Wasser verließen. Die restliche Gemeinde sang derweil freikirchliche Kirchenlieder. War lustig, dem zuzusehen, wobei ich mir ein wenig Sorge um die Gesundheit  der drei Herren im Wasser machte, denn das Ganze dauerte fast zwei Stunden. Boah – Kalt!

CAHANCA

Meine Lieblingsfigur in Sachen Glaube oder Aberglaube ist allerdings der Cahanca. Früher wurde diese Figur, ähnlich den Gallionsfiguren, vorne an den Bootsrümpfen angebracht und diente zum Schutz des Bootes und zur Vertreibung von Bösem. Daher war der Cahanca auch keine dralle barbusige Dame, sondern ein sehr grimmig blickender Geist, gerne auch mit Löwenkopf, der große Fangzähne hatte und nicht betören sondern abschrecken sollte.

Heute findet man Nachbildungen dieser Figur häufig im Eingang brasilianischer Häuser, der Zweck ist der Gleiche geblieben. Und so Einen mussten wir natürlich auch haben, damit er immer fein aufpasst. Schadet ja nicht.

Gefunden haben wir unseren „Hank“ auf dem Markt São Joachim in Salvador, einer Empfehlung unseres Wirtes folgend. Wir waren nicht so sicher, ob es wirklich eine gute Idee war, als Ausländer diesen Markt zu besuchen. Kleine Gassen, Gewusel, Enge, Geruch und der etwas befremdete Blick der Einheimischen ließen den Besuch anfangs auch zu einem eher merkwürdigen Vergnügen werden.

Aber wir haben uns nicht einschüchtern lassen und irgendwann stand er dann in einer Ecke, genauso, wie wir ihn uns gewünscht hatten und zu einem gnadenlos fairen Preis. Der sollte es dann auch werden und ich möchte euch im Rahmen dieses Artikels über Glaube und Aberglaube nicht vorenthalten, dass mein Gatte nachts, bevor wir zum Markt gingen, geträumt hatte, dass wir „unseren“ Hank an einer besonderen und sehr abgeschiedenen Stelle finden würden 😉 pe

DEUTSCH GEDACHT

Sonntagmorgen, 8 Uhr, am 24ten Juli auf der BR 116 auf dem Weg nach Belo Horizonte, mit dem Gedanken, extra früh in Salvador aufzubrechen weil dann noch nicht so viel auf der Straße los ist und man gut voran kommt. pe

ITAÚNAS

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Dünen in Brasilien? Das ist eher selten – also nichts wie hin, haben wir gedacht, und das kleine Fischerdorf Itaúnas im Grenzgebiet Espirito Santo/Bahia besucht. Der Weg dorthin führt über unasphaltierte Piste und das ist auch gut so, denn so ist das kleine Dorf vom herkömmlichen Pauschaltourismus noch nicht überrollt worden – demzufolge scheint das Leben dort ziemlich ursprünglich.

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Auf dem zentralen Platz gibt es die obligatorische Kirche, nebendran die Schule mit Fußballplatz, drumherum ein paar Bars und Autowerkstätten, in denen Motoradmotoren auf ihre maximale Drehzahl getestet werden. Hüben gackern ein paar pubertierede Mädchen, drüben balgen sich die auserkorenen Jungs, ab und an überquert ein Pferd den Platz, gefolgt von einem Rudel streundener Hunde, die bei den Bars einen Stopp einlegen um nach Essensresten zu fahnden und irgendwo kräht immer ein Hahn. Also alles easy in Itaúnas, außer im Sommer, wenn der gemeine Forró-Liebhaber den Ort überrollt, die Nacht zum Tag macht und bis in die Morgenstunden tanzt.

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Die Düne! Tolles Ding und bis zu 30m hoch, die natürlich überquert werden wollen, um auf der anderen Seite wieder ans Meer zu gelangen. Auf dem Weg hinunter darf man sich dann entscheiden, welche Strandbar es werden soll, da lange Holzplanken über den Sand bis direkt an die jeweilige Theke führen. Und wenn man es nicht so recht entscheiden mag, da jede Bar von weitem gleich aussieht, hilft ein Bar-Anpreiser und Speisekarten-Zeiger, der schon oben auf der Düne auf potenzielle Gäste wartet. Angeblich soll man in der Düne Reste des alten Fischerdorfs Itaúnas entdecken, das vom Sand verschüttet wurde, aber wir sahen nur ein paar olle Steine – nicht wirklich bemerkenswert.

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Dafür war das die Pousada, wohl die Schönste auf der ganzen Reise und komplett aus Holzbalken und Ästen gezimmert.  Für die Konstruktion benutzt man dicke Balken und für die Wände geflochtene Astmatten, die mit Lehm oder Mörtel (keine Ahnung), abgedichtet werden. Zum Schluß wirds hübsch bemalt und fertig ist das Haus. Diese Art des Hausbaus konnten wir auf der gesamten Reise häufig sehen – fast alle einfachen Hütten sind so konstruiert. Ist ja letzlich nicht viel anders als das deutsche Fachwerk, oder?

Ich glaube, außerhalb der Saison, also im brasiliansichen Winter, ist Itaúnas der perfekte Ort, wenn man Ruhe und Entspannung sucht. pe

CARAVELAS

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Im Jahr 1581 von Portugiesen gegründet, lange Zeit Zentrum der bahianischen Walfangindustrie, mittlerweile wichtig für den Eukalyptustransport aufgrund des Frachthafens und vor allem Ausgangspunkt für geführte Touren zur 70km entfernten Inselgruppe Abrolhos und zum „whale watching“ vor der Küste.

Grund genug, da mal hin zu fahren und eine Bootstour zu buchen, oder? Wenn da nicht der Ort selber wäre, der nicht wirklich interessant und innerhalb der Woche wie ausgestorben ist. So fanden auch nicht täglich Bootstouren statt und wir wurden auf „bis auf weiteres“ vertröstet und direkt wieder aus dem Ort hinaus komplimentiert zu einem etwa 15km entfernten Strand, an dem sich die angeblich einzig brauchbare und angenehme Pousada in Caravelas befindet.

Die Bootstour tags drauf wurde abgesagt und so blieben wir auch nur eine Nacht – alles eigentlich nicht sonderlich bemerkenswert, wenn da nicht abends das rosa Licht und eine beinahe magische Stille gewesen wäre. pe

BALEIAS

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Zwischen Juli und Oktober versammeln sich jedes Jahr Buckelwale aus der Antarktis in den warmen und flachen Gewässern vor Bahia, um sich fortzupflanzen. Dazu bilden sie kleine Gruppen, meist mit mehreren Männchen und Weibchen, um es dann lustig munter und querbeet zu treiben damit sichergestellt ist, dass 12 Monate später – übrigens an gleicher Stelle – Junge zur Welt kommen.

Der Bahianer ist da mächtig stolz drauf und behauptet, dass alle Buckelwale Brasilianer seien! Und natürlich kann man sich das Schauspiel vom Boot aus anschauen – fast alle Orte an der Küste bieten in dieser Zeit „whale-watching“ an und wir haben das von Cumuruxatiba aus getan.

 

Dazu geht es auf ein kleines Boot und dann ca. 2 Stunden aufs offene Meer hinaus. Die Guides an Bord halten derweil Ausschau – die Passagiere auch – und ich weiß nicht genau, wie viele Tonnen im Wasser vermeintliche Wale waren, bis dann tatsächlich am Horizont die schwarzen Buckel auftauchten.

Sofort beginnt die Verfolgung der Tiere und das ist ganz schön spannend, denn der Wal bleibt etwa 1 Minute unter Wasser, bevor er kurz auftaucht, Luft holt und dann wieder verschwindet. Als Bootsführer muß man schon Ahnung haben, um dann die weitere Schwimmrichtung vorauszusehen und den Tieren nicht zu Nahe zu kommen – 50m Abstand ist Pflicht.

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Entsprechend die Stimmung an Bord, denn alle Passagiere sind aufgeregt, haben die Kameras im Anschlag und starren aufs Wasser, bis dann irgendwer brüllt: „Baleia links, rechts oder vorne!“ und die ganze Bagage gleichzeitig versucht, den richtigen Moment für ein Foto zu erhaschen, was fast unmöglich ist, da alles so schnell geht und es natürlich auf dem Boot ziemlich wackelig ist. Ein großer Spaß und ich habe ca. 20 Fotos mit nichts als Wasser aussortiert.

Etwa eine halbe Stunde dauert die Verfolgung und man versicherte uns, dass es den Tieren nichts ausmacht und es sie auch nicht in ihrem Paarungsverhalten stört.  Angeblich sollen die Wale sogar neugierig sein und sich von selbst den Booten nähern: „Showtime Schatz, da sind die Bekloppten wieder“! 😉 pe

zum Film >>> Wale

SÃO PAULO – SALVADOR

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Mit dem Flugzeug braucht man für diese Strecke 2 1/2  Stunden, wir aber dachten: „Nein, das muß mi’m Auto herrlich sein“ und so haben wir beschlossen, den Juli über ganz gemütlich die Küste hoch nach Salvador de Bahia zu fahren und dann Ratz Fatz in zwei/drei Tagen durchs Inland wieder zurück. Insgesamt waren das zum Schluss mehr als 5000 km auf unserem KM-Zähler, verglichen mit Europa etwa die Strecke Köln-Lissabon-Köln. Die Reise war toll und es gibt einiges zu erzählen, wenn die vielen Fotos mal auseinander- und wieder zusammengepuzzelt sind. pe

Hier schon mal die Route auf Maps >>> Route

PREPAID BITTE!

Am Samstag habe ich den Telefonprovider gewechselt. Das an Sich ist ja nichts Besonderes, aber bin nun bei einem neuen Provider aufgrund einer Empfehlung des Alten. Es scheint nämlich hier deutlich einfacher zu sein, bei einem Wechel im Vertrag – zum Beispiel von Postpaid zu Prepaid – direkt zu einem anderen Anbieter zu gehen, der dann die Umstellung, Mitnahme der Telefonnummer etc. erledigt, als wenn dieses die Gesellschaft selber tut.

Oder das ist ein spezieller Service für Nicht-Muttersprachler – frei nach dem Motto: Ist uns zu viel Arbeit, sollen sich doch die Anderen damit rumschlagen 😉

Ich war durchaus guten Mutes, beim alten Provider zu bleiben. Und es schien auch erst ganz einfach, denn man geht ins Geschäft, bespricht mit dem Mitarbeiter dort, was gewünscht wird, der gibt alles in seinen Computer ein, man erhält eine Protokollnummer die 5 Tage später via Telefonat einem Operator genannt wird, der dann den Vorgang abschliesst. Da gehts dann nur noch um die Bestätigung des Antrages.

Das Problem war, dass während des Telefonats alles Andere als eine Bestätigung versucht wurde – neuen Vertrag verkaufen, erweitertes Spektrum anbieten, andrere Postpaid-Tarife vorstellen usw. – und dass mein Wunsch, lediglich auf Prepaid zu wechslen, nicht verstanden wurde (oder nicht gehört werden wollte). Nach den ersten erfolglosen Versuchen habe ich eine Muttersprachlerin zur Hilfe geholt, aber es hat leider trotzdem nicht geklappt.

Am letzten Samstag im Geschäft vor Ort empfahl dann ein Mitarbeiter: „Ach, alles viel zu kompliziert! Gehen Sie einfach eine Etage tiefer zur Konkurrenz – der Rest erledigt sich von allein“ 🙂 pe

1x FRADIQUE UND ZURÜCK

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4 Tage in der Woche mache ich mich entweder per Bus oder zu Fuß auf in den unteren Teil von Pinheiros, um dort entweder Geist oder Körper zu ertüchtigen. Jetzt könnte eigentlich schon wieder der kleine Diercke herbeizitiert werden, aber ein Link auf Google Maps ist in diesem Fall einfacher.

>>> Karte

Vor einer Woche habe ich die Kamera mitgenommen und in der Galerie befindet sich nun unser Lieblingsviertel fotografisch mit Erläuterungen! Wie lange es noch die charmante Mischung aus Groß und Klein, Hoch und Niedrig, Teuer und Billig gibt, ist leider nur eine Frage der Zeit. Die alten Häuser werden sukzessive abgerissen um Platz für neue Condominios und damit mehr Wohnraum zu schaffen. pe

FESTAS JUNINAS

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Die Festas Juninas werden in Brasilien traditionell den ganzen Juni über gefeiert. Zurück geht der Brauch auf den Johannistag, welcher nach dem hl. Johannes benannt ist, der etwa ein halbes Jahr älter gewesen sein soll, als Jesus. Und zack: 24ter Juni.

In dieser Nacht werden rituell die Johannisfeuer angezündet, die auch mit Sommersonnenwende und Verehrung der Sonne zusammenhängen und zusätzlich böse Dämonen abwehren sollen. Landwirtschaftlich betrachtet feiert man das Ende der Schafskälte und leitet die Erntesaison ein. So weiß es Wikipedia.

In Brasilien hat man den Brauch von den Portugiesen übernommen, die hier im 16 Jhd. alles erobert und klar gemacht haben. Man feiert ihn auf ähnliche Weise: Es gibt die Feuer, die auch leuchtende Ballons oder ein Feuerwerk sein können, man kleidet sich traditionell mit Strohhut und Karohemd, führt Quadrillen auf oder tanzt Forró und futtert die ganze Zeit komische Maissüßigkeiten. Am kommenden Samstag werden wir ein Festa Junina in Jo’s Schule besuchen und dann werde ich diesen Bericht noch mit Fotos ergänzen, wenn was brauchbares dabei ist.

Was mir besonders gut gefällt ist die Tatsache, dass der Brasilianer quasi 3 in 1 feiert, denn es wird gleichzeitig auch noch São Antonio (13.06) und São Pedro (29.06) gedacht. Also auch kein Wunder, dass man den genauen Termin für die Party nicht so einfach bestimmen kann und den ganzen Juni über feiern muß!

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São Antonio fällt dabei eine ganz besondere Rolle zu, denn er hat neben vielen Patronaten wie: dem Wiederauffinden von verlorenen Gegenständen (daher auch der Name Schlampertoni), Fieber, Schiffbruch, Atltwerden, gute Ernte, auch das für Fruchtbarkeit und Geburt. Die letzten Beiden sind  für die Brasilianerin interessant, denn Antonio wird vor allem von ledigen Frauen verehrt, die sich dringend einen Mann herbeiwünschen.

Laut Brauch läuft das hier so ab: Man kaufe eine Antonio-Statue (möglichst zweigeteilt, d.h. Christuskind extra), stelle sie auf und nehme Antonio das Kind sofort wieder weg (Kidnapping?). Das Kind wird separat aufbewahrt (Portemonnaie oder so) und das so lange, bis der Gatte gefunden und geehelicht wurde. Dann gibt man Antonio das Kind wieder zurück und alle sind glücklich. Alternativ kann man auch, sollte der Antonio nur 1-teilig vorliegen, die Statue kopfüber ins Wasser tauchen (Folter?) und ebenfalls solange in diesem Zustand belassen, bis ein geeigneter Gatte vorliegt.

Als ich die Geschichte vorgestern von meiner Portugiesisch-Lehrerin Marilena erzählt bekam, musste ich wirklich laut lachen, denn der Pragmatismus des Brasilianers, selbst beim Verehren von Heiligen, ist wirklich kaum zu überbieten. 😉 Lache eigentlich jetzt noch … pe

DER KLEINE DIERCKE

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Schon einige Male habe ich davon erzählt, dass wir kurz ans Meer gefahren sind und damit ihr euch das alles mal besser vorstellen könnt, gibts heute eine Karte zur Ansicht.

Auf der oberen Karte seht ihr den Großraum São Paulo – hier leben etwa 20 Mio. Menschen. Die Stadt erstreckt sich über eine Fläche von 60 x 80 Quadratkilometern und liegt auf einem Hochplateau (ca. 800m über NN). Vom Zentrum bis zur Küste sind es ca. 80 km – das heißt, die Strecke ist bei normalem Verkehr in einer Stunde zu schaffen.

Um an die Küste zu gelangen, durchquert man die Serra do Mar – den atlantischen Küstenurwald, der unter Naturschutz steht und vor São Paulo bis zu 1200m hoch aufsteigt. Ihr könnt euch denken, wie steil es demnach runter ans Meer geht.

Auf der unteren Karte seht ihr die Küstenregion. Von Santos, der Hafenstadt mit den Wackelzahnhäusern, habe ich ja schon erzählt. Ebenfalls von Guarujá – das war das verregnete Wochenende. Dieses Mal gehts um den südlicheren Teil.

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Praia Grande wird der Ort genannt – ist aber auch Synonym für den gigantischen, geraden Strand, der 37km lang sein soll. Im Sommer wimmelt es nur so von Menschen, aber in dieser Jahreszeit ist es schön leer und weitläufig, daher fein für ausgedehnte Strandspaziergänge. Dennoch dürfen die Tinnefverkäufer nicht fehlen und auch die Strandwagen-Gastronomie funktioniert bestens, damit der Brasilianer nicht auf sein Choppé gelado oder einen Caipirinha verzichten muß. Das wollten wir übrigens auch nicht 😉

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2 Brücken verbinden Praia Grande und São Vicente – wir haben die kleinere und ältere genutzt, um auf die andere Seite nach São Vicente zu gelangen. Die Stadt selber ist nicht sooo interessant, daher sind wir schnurstraks hoch auf eine Landzunge gefahren, von der aus man einen tollen Blick auf die lange Bucht von Santos haben soll. Praktischerweise befindet sich ganz oben auch ein Restaurant und ein Aussichtspunkt, gestaltet von Herrn Niemeyer, der ja an keinem neuralgischen Punkt in Brasilien fehlen darf. Ob dieses Bauwerk allerdings eines seiner gelungensten Werke ist, na ich weiß nicht?

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Die Aussicht ist wirklich spektakulär, auch wenn sie am besten vom Restaurant aus zu genießen ist, was natürlich heißt, sich dort hinzusetzen und etwas zu verzehren, was sich die Gastronomen natürlich etwas kosten lassen – daher besser dort nichts essen. Aber so what – man kann ja auch „naturbreit“ werden 😉 pe

IN BRASILIEN IST ES IMMER WARM!

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BEEEEP – falsch! Seit meiner Rückkehr aus Deutschland sitze ich mit einem Heizofen und dickem Pulli vor dem Computer. Und all die mitgebrachten schönen Sommerkleidchen dürfen einstweilen im Schrank auf wärmere Zeiten warten. Menno!

Kalt heißt hier so um die 11-14°C. „Stellt euch nicht so an“, mögt ihr vielleicht jetzt denken. Aber 11°C in São Paulo sind nicht unbedingt mit 11°C in der Kölner Bucht zu vergleichen. Das fängt schon damit an, dass die Häuser hier keine Heizungen haben und das Thema Wärmedämmung im brasilianischen Bauratgeber vermutlich ganz hinten unter „Vermischtes“ steht.

Die Häuser kühlen sehr schnell aus und werden klamm. Schränke sollten daher via Luftentfeuchter getrocknet werden, da in dieser Zeit der Schimmel fix bei der Sache ist. Andereseits ist die Luft im Winter aber trocken – daher empfiehlt sich eher ein Luftbefeuchtungsgerät, damit die Augen nicht zu jucken beginnen. Und schon haben wir den Salat! Übrigens: wir besitzen weder das Eine, noch das Andere 😉

Und wenn man so hübsch weit oben wohnt, wie wir gerade, kann es, nachdem die Sonne weg ist (wenn sie überhaupt da war), richtig zugig und frisch werden. Die Fenster lassen sich leider auch nicht vernünftig schließen – sehen dafür aber stylisch aus.

Dass es hier keine Heizungen etc. gibt, verstehe ich ja irgendwie, denn bei den 1-2 Monaten Kälte im Jahr lohnt sich der ganze Aufriss wohl kaum. Außerdem kann man ja etwas dazu kaufen: Elektroradiatoren, Gasöfen (die allerdings in Appartments strikt verboten sind, woran sich aber keine Socke hält 😉 ) oder lustige Halogen-„Placebo“-Heizöfen (siehe Bild oben). Die sehen nach richtig viel Wärme aus, aber tatsächlich fühlt man das nur, wenn man etwa 20 cm davor steht. Möchte man damit einen ganzen Raum heizen, kann das schon mal etwas dauern und vor der nächsten Stromrechnung habe ich jetzt schon ein bißchen Angst. Last but not least: Wer es sich leisten kann, nutzt in dieser Zeit den offenen Kamin. Für alle anderen muß es mit dicken Pullis, Schals, Mützen und Handschuhen gehen.

Wie zum Beispiel bei Avanete, die heute morgen dick vermummt bei uns eintrudelte und naturgemäß eine fette Grippe hat. Möchte mir gar nicht vorstellen, wie kalt es bei ihr zuhause ist. Sie sagte, sie wärmen von innen und meinte damit einen heißen Kakao oder Tee. Bei von innen wärmen fällt mir ja was anderes ein und ich nehme an, Cachaça, also der hiesige Zuckerrohrschnaps, ist in dieser Jahreszeit auch ein probates Mittel, um der Kälte entgegen zu wirken.

Tja, gerade ist irgendwie eine verkehrte Welt … und daher ihr Lieben: genießt den Sommer und die schönen warmen Temperaturen! Jetzt bin ich auch mal awoi neidisch 🙂 pe

VIRADA CULTURAL

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Letztes Wochenende befand sich São Paulo in einem kulturellen Ausnahmezustand. Das Ganze nennt sich Virada Cultural und ist prinzipiell mit dem damaligen Kölner Ringfest zu vergleichen, nur dass in São Paulo zusätzlich die klassischen Orchester, Ballett- und Theaterensembles auftreten. Und natürlich ist alles umsonst, was dann ausnahmsweise allen Teilen der Bevölkerung die Möglichkeit eröffnet, an einem kulturellen Event teilzuhaben – und gute Geschäfte zu machen – siehe das Verkaufen und Wiedereinsammeln von Dosen.

Da São Paulo etwa 20 Millionen Einwohner hat, ist die Sache eine Spur größer, hier Zahlen: 1000 Veranstaltungen, 100 Veranstaltungsorte, davon die meisten im Centro, 13 Bühnen, 7 Pistas, etwa 3 Millionen Besucher, 24 Stunden.

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Yep, 24 Stunden dauert der Veranstaltungsmarathon, der samstags um 18h beginnt und dann ohne Pause bis sonntags 18h zelebriert wird. Für den Brasilianer ist es nicht unüblich, die Nacht über zu feiern (siehe Karneval im Sambodromo), daher ist auch tatsächlich 24 Stunden lang die Innenstadt granatenvoll – wie übrigens irgendwann auch die Leute dort 😉

Besonders schön war es, mal nachts im Centro umherzulaufen. Normalerweise für uns ein NoGo, weil es viel zu unsicher ist. Doch wenn man sich die Straßen mit 3 Millionen Anderen teilt? pe

Hier der offizielle Trailer zum Event >>> virada cultural

DONA YAYÁ

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In Bixiga steht das Haus der Dona Yayá. Haus ist gut gesagt, eigentlich ist es ein amtliches Herrenhaus, das sich früher inmitten einer Fazenda befand – heute ist nur noch ein kleiner Garten übrig. Es gehört der Universität São Paulo und die hat dort das Zentrum für den Erhalt der Kultur untergebracht. >>> Centro de Preservação Cultural

Wirklich interessant ist die Geschichte von Yayá, die eigentlich Sebastiana de Melo Freire hieß, 1887 geboren wurde und zu einer aristrokratischen und auch politisch sehr bedeutenden Familie in São Paulo gehörte. Das Leben, oder sagen wir die Umstände, oder sagen wir die Verschwörung – letzteres ist nicht bewiesen, wird jedoch vermutet –  haben ihr Leben zu einer Tragödie gemacht.

Es begann mit einer Todesserie, die Yayás Familie beinahe völlig eliminierte: Eine Schwester erstickte, die Andere starb an einer Infektion. 1899 starb die Mutter, da war Yayá 12 Jahre alt. Zwei Tage später folgte der Vater. Im Jahr 1905 dann der nächste Schlag: Ihr Bruder, bei dem eine geistige Erkrankung diagnostiziert wurde, stürzte sich auf einer Schiffsreise nach Buenos Aires ins Meer und starb ebenfalls.

Somit war Yayá die einzig Überlebende der Familie und erbte ein gewaltiges Vermögen. Untergebracht in einem stattlichen Haus in São Paulo lebte sie das Leben der Bohème, veranstaltete Abende mit ihren Freunden, widmete sich der Fotografie, soll angeblich reichlich Verehrer gehabt haben, die sie aber alle ablehnte, da sie eine tragische und unerwiderte Liebe mit Edu Chaves verband. (Zur Info: Chaves war ein junger Flieger, der als Erster die Strecke São Paulo – Rio ohne Tankstopps versuchte – damals ein ordentliches Abenteuer mit Anspruch auf Heldenstatus. Geschafft hat er das am 5. Juli 1914)

Im Jahr 1918, Yayá war 31 Jahre alt, zeigten sich Symptome einer möglichen Geisteskrankheit. Sie versuchte einen Selbstmord und wurde daraufhin in einem Sanatorium untergebracht, das aber sehr bald als ungeeignet angesehen wurde, sie auf Dauer zu beherbergen. Daher erwarb man als Wohnsitz ein leerstehendes Herrenhaus in Bixiga. Gleichzeitig entbrannte ein Streit um Vormundschaft, die Verwahrung ihrer Vermögenswerte und es gab eine Reihe von Gerüchten und Skandalen.

Anerkannte Psychiater Brasiliens wurden herbeizitiert, um Yayás Geiseszustand einzuschätzen und man kam überein, dass es sich bei ihrer Erkrankung um eine Form der Schizophrenie handeln müsse, die sich in einer Weise zeigte, sich selbst zu verletzten, gegen Wände zu laufen … kurz und knapp: Eine Gefahr für sich und Andere. Daher wurde sie isoliert und eingesperrt. Das Herrenhaus wurde ihren Bedürfnissen angepasst mit speziellen Bädern oder splitterfreien Fenstern, die nur von außen zu öffnen waren. Sie blieb bis zum ihrem Tod 1961 komplett isoliert – 36 Jahre lang. Ihr Vermögen, größtenteils Immobilien der Familie, hinterließ sie der Universität São Paulo.

Heute wird vermutet, dass ihre Isolierung primär dem Zweck diente, sie aus dem Weg zu schaffen, um statt ihrer in eine Machtposition zu kommen und den Zugriff auf ihr Vermögen zu erlangen.

Wahnsinns Geschichte, oder? Ich finde, das ist ein Filmstoff. pe

MÄBILINI

Dass wir hier mit der portugiesischen Sprache zu kämpfen haben, ist ja nichts Neues. Aber es tauchen auch immer wieder Begriffe auf, die wir eigentlich kennen, die aber durch den Portugiesisch-Filter dermaßen unkenntlich gemacht werden, dass es oft ein großes Hurra gibt, wenn sich die eigentliche Bedeutung klärt.

Grundsätzlich kann man festhalten, dass der Brasilianer phonetisch ein „I“ braucht, um Anglismen, Markennamen oder anderstämmige Wörter zu verbrasilianisieren. Dieses wird stellvertretend als „E“ eingesetzt, zum Beispiel „NIVIA“. Oder es wird vor dem Vokal „E“ eingesetzt – siehe „PIETRA“. Manchmal kommt es auch ans Wortende „BAYERN MUNIKI“.

Mittlerweile haben wir uns eingehört, aber dennoch gibts immer wieder lustige Überraschungen, wie gestern in der Drogerie, als mir ein Lippenstift von MÄBILINI offeriert wurde. Hier eine Liste der Lieblingsbegriffe – mal sehen, ob ihr alles erkennt. pe

FORDSCHI
COLGATSCHI
LONGINÄCKI
HOCKI
FIATSCHI
BASFI
FUTSCHIBOLLI
SZENICI
PANTENI
BIKI MÄKI
SAMSUNGI
CAMÄO
SCHICKI
ZEIA

GUTEN MORGEN

Wenn Sie bitte mal reinhören möchten … dieses ist ein Ausschnitt aus einem, bereits eine Woche andauernden Konzert, welches in der über uns liegenden Wohnung jeden Tag von 9h bis etwa 17h mit einem 3 Mann Orchester aufgeführt wird. Herrlich! pe

 

BEIJA-FLOR

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Echt witzig! In der alten Wohnung habe ich immer versucht, die Kolibris anzulocken. Man kann hier kleine Wasserbehälter kaufen, die in die Bäume gehängt werden und die als Ausgang große Plastikblüten haben. So wird den Tierchen die Blume vorgegaukelt und in der Regel funktioniert das bestens, vor allem, wenn man dem Wasser ein bißchen Zucker beimischt.

Das fanden bisher ziemlich viele Vögel spitze, zum Beispiel die Olsen-Bande, 5 Vögel in blau, die sich regelrecht um den Stoff geprügelt haben und morgens schon auf der Lauer lagen, wann die Frau Bähner mit dem Nachschub kommt. Aber leider war nie ein Beija-Flor dabei, für den das Ding ja eigentlich gedacht war.

Und jetzt wohnen wir hier im 11ten Stock und täglich fensterln die Viecher – ohne dass wir Zuckerwasser in Plastikblüten oder was anderes offerieren. Keine Ahnung, was daran so aufregend sein soll, an einer kahlen Hauswand hochzufliegen? Aber ich verstehe ja auch nicht, warum der Brasilianer an einer vierspurigen Straße joggt. Oder warum sich am Strand alles auf 20 Metern zusammenrottet, wo doch so viel Platz da ist (das Foto wird übrigens nachgereicht, wenn wir noch einmal zum Praia Grande fahren – das glaubt ihr nicht!)

Naja, jedenfalls finde ich es super, dass es mir endlich gelungen ist, eine Aufnahme zu machen. Die Tiere sind unheimlich scheu und jede Bewegung auf der anderen Seite des Fensters hat für die bisher ausgereicht, umgehend davonzuflattern. Spricht einiges dafür, dass ich sehr gute Pirsch-Qualitäten habe, oder? pe

HIGIENÓPOLIS

Architektur in São Paulo = die Herren Oscar Niemeyer und Paulo Mendes da Rocha in Sachen Moderne – sprich Beton in allen Variationen (sehr vereinfacht ausgedrückt). Und Rui Ohtake für seine ungewöhnliche und dynamische Architektur (siehe zum Beispiel das Hotel Unique oder das rot-blau gestreifte Ohtake-Building).

Da hab ich meine Rechnung bisher ohne Higinópolis gemacht – dies ist kein Architekt, sondern ein Bairro von São Paulo. Ende des 19 Jhds sammelte sich dort die Highclass São Paulos und erschuf einen Stadtteil, der im Kontrast zum Centro große und breite Straßen hatte, über einen ordentlichen Baumbestand verfügte, sehr ruhig und reinlich war und daher seinen „sauberen“ Namen Higinópolis erhalten hat.

Mitte der Vierziger bis Ende der fünfziger Jahre wuchs der Stadtteil in die Vertikale. Verantwortlich für die, bis heute bemerkenswertesten Gebäude dort, zeichneten sich zwei Architekten, die ebenfalls durch die Moderne inspiriert waren: der Paulistano João Artacho Jurado und der Deutsch-Brasilianer Adolf Franz Heep.

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Ersterer baute 1952 in Higinópolis das erste brasilianische Condomínio mit Freizeitcharakter – das Edifício Bretagne. Er integrierte ein Schwimmbad, Spielplätze, Leseräume, einen Tee- und Musiksaal sowie eine Piano-Bar. All das für jedermann im Haus nutzbar. In seiner Architektur huldigt er Oscar Niemeyer, doch versucht er eine ornamentale und farbige Annäherung an die Gebäude Niemeyers. Derart, dass seine Gegner das Edifício Bretagne als ein „von Oscar Niemeyer entworfenes Barbiehaus“ bezeichnet haben. Das selbe Gebäude wurde übrigens vom Wallpaper-Magazin als jeniges welches beschrieben, indem es sich seinerzeit weltweit am besten leben lassen sollte.

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Zweiterer, der Herr Heep, stark von Bauhaus geprägt und Mitarbeiter von Corbusier, zeichnet sich verantwortlich für zwei bemerkenswerte Gebäude. Das Edifício Lausanne (1950) in Higinópolis (siehe Bild ganz oben), berühmt für die Farbgebung der Fassade mit den Holzfensterläden und das Edifício Italia im Centro (1965) – zweitgrößtes Gebäude der Stadt mit 165m, direkt neben Niemeyers „Copan“, touristische Sehenswürdigkeit. Letzteres wohl eher wegen der auf dem Dach ansässigen Bar + Restaurant mit fantastischem Ausblick.

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Ein Rundgang durch Higinópolis ist mit einer architektonischen Zeitreise ins São Paulo des 20 Jhds zu vergleichen, da jedes Jahrzehnt hier seine deutlichen Spuren hinterlassen hat. Higinópolis war immer schon reich und intellektuell und das ist es auch heute noch – also die perfekte Voraussetzung für die Erschaffung von Besonderem. Daher darf man wohl besonders gespannt darauf sein, welche zukünftigen Klassiker dort gerade entstehen. pe

SELBSTVERSUCH REGEN + STRAND

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Das Wetter in São Paulo bietet seit etwa drei Wochen keinen Anlass zur Freude. Es ist zwar nicht kalt, aber es regnet häufig und es ist trist und grau. Daher haben wir uns gedacht: Wenn man schon das Grau nicht ändern kann, dann wenigstens das Umfeld und sind gestern ans Meer nach Guarujá gefahren.

Guarujá liegt auf einer Insel, die etwa 90 km von São Paulo entfernt ist. Nur ein kleiner schmaler Kanal trennt sie vom Festland. Daher stammt auch der indigene Name: schmale Passage = Guaru-ya. Weil man von São Paulo so schnell dort ist, blüht die Strandkultur, um dem Brasilianer eine feine Zeit zu bereiten. Es gibt viele verschiedene Strände – von HalliGalli bis Fischerdorf – von Stadtstrand bis Natur. Es finden sich Strandbuden, Restaurants, Kitsch- und Kremepelläden in ausreichender Anzahl. Also alles so, wie es sich der Brasilianischer wünscht. Wenn die Sonne scheint.

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Aber eben das tat sie nicht. Dennoch – mit dem festen Vorsatz „auch bei schlechtem Wetter ists schön am Meer – wir sind doch keine Weicheier“ und dem Gedanken im Hinterkopf „die Nordsee funktioniert ja auch bei jedem Wetter“ sind wir allen Unkenrufen und dunklen Wolken zum Trotz Richtung Strand losspaziert. Die Wellen waren hoch und toll, die Surfer schwer aktiv, der Strand schön und rau. Das Dosenbier war gut gekühlt, Schirmchen und Liegestühle perfekt ausgerichtet und einem trägen Nachmittag stand nichts im Wege. Haben wir gedacht 😉

Keine halbe Stunde später folgendes Bild: Orkanartige Böen, prasselnder Regen, verlassene Liegstühle und ein paar rote Schirmchen, unter denen sich traubenförmig Menschen zusammengerottet haben, im Versuch, sich und die Habe halbwegs trocken durch das Unwetter zu bringen.

„Nein, ist nicht kalt“. „Neiiiiiiin, ist doch nur Wasser“. NEEEIIIIIIIIN, MÖCHTE KEIN BIER MEHR“!

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Nachmittags insofern Besserung der Lage, dass es im Auto erfahrungsgemäß nicht regnet und wir ausreichend Zeit hatten, die verschiedenen Strände auf der Insel anzufahren und mal zu gucken, was da so geht. Es gab denn auch ein Überraschung, denn am großen Stadtstrand von Guarujá fand ein Freestyle-Paragliding-Wettbewerb statt und das war schon spannend, die Kunststücke zu sehen, die die Jungs da aufgeführt haben. Hier ein kurzer Film: >>> Paragliding

Heute morgen dann, entgegen unsere vagen Hoffnung, noch einen Tag ohne Regen am Meer verbringen zu können, leider Ernüchterung: Dauerregen – Grau! Daher gabs statt Strand die Autobahn Richtung nach Hause ins Trockene. In São Paulo schien sogar gemeinerweise ein kleines Bißchen die Sonne, als wir dort ankamen.

Als dann: Das machen wir nicht mehr. Wenn die Wettervorhersage über 70% Regenwahrscheinlichkeit an der Küste porognostiziert, bleiben wir schick daheim. Denn bei allen Schönfärbungsversuchen: Der Strand macht bei Regen einfach keinen Spaß, weder hier, noch an der Nordsee, noch sonstwo 😉 pe

NET #2

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To be continued, hab ich beim letzten Artikel über NET (NETSCHIE) geschrieben – ahnte damals allerdings noch nicht, dass wir noch einmal umziehen werden und damit die ganze Chose von vorne beginnt! Als dann …

1. Umzug ist erfolgt, Besuch bei NET vor Ort, neue Adresse durchgegeben und Änderungen besprochen. Im Klartext: a) Kündigung des zusätzlichen Telefon- und Internetanschlusses. b) Techniker soll bitte vorbeikommen und TV, Telefon und Internet anschließen, Zeitfenster nachmittags!!! c) Änderung des Leistungspaketes (das geht erst, wenn Techniker die Basisinstallation vorgenommen hat. Doof – weil man muß nochmal hin)  /// 2. Techniker kommt abends und schließt TV und Telefon an. Internet klappt nicht, da im Viertel zur Zeit kein Netz /// 3. Am nächsten Tag immer noch kein Netz – Anruf bei NET wegen neuen Termins (kompliziert, weil durch drei Instanzen weitervebunden wird – aber immerhin: das können wir jetzt selber!) /// 4. Techniker kommt 3 Tage später und schließt Internet an. Sagt, sein Vorgänger hätte einen Fehler gemacht /// 5. Bis dahin alles ok – WLAN überall in der Wohnung möglich  ///  6. Erneuter Besuch bei NET, um nun wie besprochen das Paket zu ändern. Gewünscht: weniger TV-Kanäle und Erhöhung der Leistung von 6MB auf 10MB. Neuer Besuchstermin wird vereinbart /// 7. Techniker kommt – ist aber nur für TV zuständig und schließt neues NET-Modem an – Teile der Programme jetzt in HDTV (feine Sache) /// 8. Andere Techniker (diesmal 2 Mann) kommen etwa 1 Stunde später und checken den Internetanschluß. Stellen fest, dass der zweite Intenetzugang noch nicht abgemeldet ist. Versprechen, dass sie das an NET weiterleiten /// 9. Zwei Tage später wird das Netz lahm – nur noch eingeschränkt WLAN möglich /// 10. Erneuter Anruf bei NET und Vereinbarung eines Termins /// 11. Mitarbeiter kommt zwei Tage später und prüft die Verbindung. Sagt, es läge am WLAN-Router und er könne nichts machen. Wir sagen, das er vorher noch bestens funktioniert hat – selbst mit 6MB. Er kann nichts machen /// 12. Anderer Mitarbeiter kommt kurze Zeit später (Rosenmontag, morgens um 9h, unanfgefordert) und will den NET-Router mitnehmen sowie das Internet abklemmen /// 13. Wir können ihn davon abhalten und erklären die Situation. Er vereinbart neuen Techniker-Termin zur Überprüfung der Leitung und des Signals, da er nur für das Abklemmen von Leitungen zuständig ist. Jo sagt, ich sei nicht nett gewesen /// 14. Internet-Zugang liegt nach Abgang des Technikers lahm, funktioniert erst nach einiger Zeit wieder /// 15. 8ter Techniker war gerade da. Ergebnis: a) Wir haben eine 10MB starke Verbindung, aber der WLAN Router scheint dem nicht mehr gewachsen? Warum weiß er nicht. Idee: Es gibt in der Gegend wohl „NEUE“ Interferenzen. b) NET ist nicht für WLAN-Router verantwortlich (obwohl der Techniker netterweise eine neue IP-Adresse vergeben hat – was aber auch nichts an der Situation ändern konnte). Empfehlung: Neuen WLAN Router kaufen – nicht NETGEAR, sondern D-LINK mit 3 Antennen /// 16. Unsere letzte Idee, nämlich dass wir beim Einzug vielleicht vorrübergehend noch über die Leitung unserer Vormieterin ins Internet gegangen sind und dass diese evtl. 50MB stark war, hat sich nach Abklärung nun auch nicht als Lösung ergeben. Das waren nämlich nur 3MB und alles lief einwandfrei 17. Das Problem ist nicht gelöst , aber jetzt muß es ohne NET gehen! pe

SEXTA OP D’R ECK

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Sexta-feira (sprich: sessta) bedeutet einfach nur Freitag. Freitag hat bekanntermaßen nicht nur für den durchschnittlichen Brasilianer eine überaus wichtige Bedeutung, sondern auch für den Rest der Welt. Während die einen sich an einem Freitag religiösen Pflichten  unterziehen, hat der Freitag für den Brasilianer (und natürlich für viele andere auf der Welt) eher profanen Charakter. Denn eine Woche Arbeit ist vorbei und nun kommt die Zeit der Erholung.

Während unsereiner (meistens) sich zuerst einmal nach Hause begibt, sich etwas ausruht, gemeinsam mit den Lieben das Wochenende plant, verliert der Brasilianer speziell der Paulistano  hingegen keine Zeit (zumal auch schon dessen Heimfahrt an einem Freitag unter Umständen schon ca. drei Stunden dauern kann). Spätesten um 19 Uhr sind die Lanchonetes in unmittelbarer Nähe der Büros und sonstigen Arbeitsstätten voll, und das heißt wirklich voll.

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Ebenso schnell ist der erholungsbedürftige Brasilianer auch voll, denn vor allem das Bier fließt in Strömen (man trinkt hier doch eher viel Bier und weniger Caipirinha, Klischee lässt grüßen). Interessant sind auch die Deckel, die getrunkenen Flaschen lässt man so lange stehen, bis man bezahlt. Und heimlich wegräumen oder auf einen anderen Tisch schmuggeln, das gibt es hier nicht.

Zwischen 22 und 23 Uhr ist der Tanz vorbei, der Brasilianer möchte nach Hause, denn das Wochenende muss ausgenutzt werden: Samstagmorgen Sport, nachmittags Feijoada (Bohnen, Reis und stundenlang gekochte Schweineinnereien, -ohren,- schwänze und -füße, hmmm, lecker, koch ich euch mal, wenn wir wieder in der Heimat sind :-)) mit Bier und Caipirinha, dann ausruhen und verdauen, dabei Fussball schauen. Spät abends auf die Piste und solange durchhalten, wie es geht, mit oder ohne Hilfsmittel – meist bis Sonntagnachmittag. (Sehr häufig gehts mit dem eigenen Wagen nach Hause, das mit dem Alkohol am Steuer sieht der Brasilianer nicht so eng.) Was für ein Programm…

Die Bilder stammen von der Lanchonete in unmittelbarer Nähe zu unserem alten Haus, sozusagen „Op d‘ Eck“. Jo

BIXIGA

Ich sach nur: Sfogliatelle! Nein, das ist nicht schon wieder ein indigenes Kunstwort – diesmal hat es romanischen Ursprung und bezeichnet ein gefülltes und in Falten gelegtes italienisches Hefegebäck. Wir hatten den ersten Kontakt mit diesem Gebäck“dings“ durch die Fernsehserie „Sopranos“ und als Jo eines Tages mit einem Schächtelchen Sfogliatelle ankam, war die Freude riesig! KleinItalien am Gaumen klebend, daraufhin KleinItalien in Gedanken und ein paar Tage später in Echt in São Paulo – im Bairro Bixiga (gehört zu BelaVista).

Den Ruf, das Little Italy von São Paulo zu sein hat Bixiga, weil Ende des 19ten Jhds verstärkt europäische Einwanderer nach Brasilien strömten, die angeheuert wurden, um auf den Kaffeeplantagen zu arbeiten. So eben auch die Italiener. Viele der italienischen Einwanderer haben sich in der Nähe der Gutshäuser der Kaffeebarone niedergelassen, deren Überbleibsel (teils renoviert, teils Ruine) man übrigens heute noch auf der Avenida Paulista, der Bankenmeile Südamerikas, sehen kann. Naja und die fuzzeligen Reste der Einwandererzeit sind eben deutlich in Bixiga zu spüren – etwa 10 Gehminuten von der Paulista entfernt.

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Dass dieses Viertel nur von italienischen Einwanderern geprägt wurde, ist übrigens eine nette Geschichte – stimmt aber nicht ganz. Tatsächlich versuchten dort auch Portugiesen und Afrikaner einen Neuanfang. Die Afrikaner haben zum Beispiel die erste Karnevalsgesellschaft São Paulos gegründet – die Sambaschule VAI VAI – heute gehört sie zu den Topfavoriten und in die erste Liga der Karnevalsvereine.

Hier der >>> Link zum aktuellen Karnevalssong des Vereins! Falls ihr euch über die klassischen Elemente am Anfang wundert – das diesjährige Motto ist die tragische Lebensgeschichte des brasilianischen Pianisten und Dirigenten João Carlos Martins.

Optisch hat sich in den Straßen rund um die Rua 13 de Maio gar nicht so viel getan – sieht immer noch ziemlich rustikal, ursprünglich und irgendwie italienisch aus. Unterstützt wird der Eindruck durch die vielen italienischen Restaurants und Lädchen, die sich dort aufreihen und die der Grund für die wahren Besucherströme an 5 Wochenenden im Juli/August sind – wenn das Fest „Festa de Nossa Senhora de Achiropita“, stattfindet und auf den Straßen die ganzen fiesen italienischen Kleinigkeiten probiert werden können. Wir hatten neulich – und das meine ich ernst – die besten Ravioli ever in einem der Restaurants!

Verstärkt wird das italienische Gefühl durch die vielen älteren Herrschaften, die sich auf dem nahegelegen Antikmarkt, der jeden Sonntag stattfindet, herumtreiben oder es sich in den Cafés und an der Straße auf schäbigen Plastikstühlen bequem gemacht haben, die Straße „abnehmen“, zusehen, wer da so flaniert, alles kommentieren … und vielleicht gerade Sfogliatelle verspeisen … das würde mir natürlich gut gefallen 🙂 pe

GUTE AUSSICHT

Ziemlich praktisch – so ein Leben im elften Stock. Denn neben der guten Aussicht läßt sich zudem schnell feststellen, ob zum Beispiel die Mitnahme eines Regenschirms sinnvoll wäre, oder, ob das Vorhaben, das Haus zu verlassen, getrost vergessen werden kann. Das schützt vor unangenehmen Überraschungen (siehe Artikel Chuva), die wir parterre des Öfteren erlebt haben.

Abgesehen davon ist es einfach klasse, den Himmel kurz vor einem Gewitter zu sehen. Oder einen Sonnenuntergang, nachdem es geregnet hat. Oder das rosa Morgenlicht an den Wohntürmen. Oder. Oder. Siehe unten. pe