WAHLEN #02

Am Wochenende geht die Wahl in Brasilien in die zweite Runde. Dilma und Serra sind noch im Rennen und die Hochrechnungen sind eindeutig zu Gunsten Dilmas. Nicht zuletzt, weil sie im bislang armen Nordosten Brasiliens etwa 80% aller Stimmen einheimsen wird. Anbei ein Spiegel-Online Artikel, der sich noch einmal mit Pro und Contra Lula (und somit Dilma) befasst. pe

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DAS BRASILIANISCHE NEIN

Soll man Stefan Zweig in seinen Ausführungen im Buch „Brasilien – Land der Zukunft“ Glauben schenken, so ist der Brasilianer an sich ein friedliebendes Volk. Freundlich, nett, ein wenig unschuldig oder naiv und vor allem harmoniebedürftig.

So ganz kann ich diese Meinung nicht teilen – siehe man nur mal das Verhalten im Straßenverkehr – aber etwas scheint dran zu sein. Denn wer soooo freundlich sein soll, kann sicher nicht ohne weiteres NEIN sagen!

Da kann man wirklich noch einiges lernen, vom Brasilianer. Daher habe ich hier anhand von Fallbeispielen ein paar Übungen vorbereitet:

1. In der Rolle der Sprachlehrerin

Man verabrede einen Termin, sage dann aber kurz vorher (max 2 Stunden) wieder ab, um einen neuen Termin zu vereinbaren. Auch diesen Termin verschiebe man unter heftigem Bedauern auf ein anderes Mal. Beim dritten Mal unternehme man gar nichts, gehe nicht hin, dafür schreibe man aber sofort einen Tag später eine Nachricht, wie leid es einem tue – und verabrede ein weiteres Mal. Und so weiter. Wichtig ist, dass die Gründe und Zeiträume immer anders gewählt werden.

Der Erfolg: Der Andere meldet sich ganz sicher nie wieder!

2. In der Rolle des Handwerkers

Man unterhalte sich am Telefon über ein Stück „Gewerk“, was zu erledigen ist. Man zeige sich begeistert, ja regelrecht enthusiastisch über den bevorstehenden Auftrag und erkläre sich gerne bereit, zu einem gemeinsamen Termin vor Ort zu erscheinen, um ein Angebot anzugeben. Und dann schalte man das Telefon aus und melde sich nicht mehr. Selbstverständlich erscheine man auch nicht zum vereinbarten Treffpunkt, der via Mailbox erhalten wurde.

Der Erfolg: Der Job geht garantiert an einen anderen.

3. In der Rolle der Physiotherapeutin

Man stelle sich via Internet mit seinem Handwerk vor. Es melden sich bestenfalls potentielle Kunden, auch telefonisch via Mailbox. Man lasse den Tag zu Ende gehen und rufe dann möglichst spät (etwa ab 23h) zurück, mit der Betonung, wie leid es einem tue, aber dass es nicht anderes gehe. Dieses Gespräch muß unbedingt ergebnislos bleiben und mit einem weiteren versprochenen Rückruf enden. Dieser darf aber nicht erfolgen, so dass der Andere sich von allein meldet. Dann absolut unverbindlich bleiben und klarstellen, dass ein Termin eventuell möglich sei, zwischendurch, aber nicht verabredet werden kann.

Der Erfolg: Der Kunde wird sich abwenden.

4. In der Rolle des Auftraggebers

Man stelle einen neuen Job in Aussicht und gebe dem Anderen die dafür nötigen Unterlagen mit der Bitte, sie innerhalb kurzer Zeit zu lernen um sich dann wiederzutreffen und das Gelernte abzufragen. Man sage etwa 2 Stunden vorher ab, verabrede aber einen neuen Termin (Siehe Sprachlehrerin). Jetzt seid ihr dran: Was muß als Nächstes passieren? … RICHTIG! Man nehme auch den Zweiten nicht wahr, aber unter größtem Bedauern und mit Ausdruck der Vorfreude aufs nächste Treffen. Gerne auch ein Zusatz, dass man schon sehr gespannt sei. Das Prinzip muß so lange fortgeführt werden, bis der Andere irgendwann nachfragt, was eigentlich los sei. Daher immer unterschiedliche Medien einbeziehen: Telefonate verabreden, persönliche Treffen, Skype-Sessions, E-Mails – da ist der Kreativität keine Grenze gesetzt.

Der Erfolg: Der Andere kommt sich irgendwann doof vor und gibt einfach auf.

Also Summasummarum: UNBEDINGT IMMER unverbindlich bleiben, Entscheidungen nicht treffen oder möglichst lange herauszögern. Wenn man keine Lust hat, ja sagen und sich nicht mehr melden. Oder sich einfach überhaupt nicht melden. Nun viel Spaß beim Üben 😉 pe

Kleiner Tipp: Als Rollen eignen sich auch hervorragend Makler, Versicherungsagenten und KFZ-Mechaniker

SHOPPING

bier

Was dem Mädchen Schuhe, Kleidchen, Ober- und Unterteile, ist dem Jungen das Getränk. Mein Mann kann sich von diesem Interesse auch nicht wirklich freisprechen und daher finden immer wieder brasilianische Gerstensaftschöpfungen den Weg in unseren Kühlschrank, die UNBEDINGT einmal getestet werden müssen und – nach ihrer Entleerung – einen Platz auf dem, dafür eigens eingerichteten Regal, finden. Männer! Bierschrank statt Schuhschrank – Das wusste auch schon IKEA! Diesmal: Bohemia Confaria – Cerveja Forte Tipo Abadia (schmeckt wie Bananenweizen) und Bohemia Escura (dunkel, süß, bitter, extrem malziges Starkbier (O-Ton)). Jo, mach doch mal eine spezielle Rubrik zum Thema Biere auf 😉 pe

JUQUEHI

In schöner Regelmäßigkeit sollte man São Paulo den Rücken kehren und ans Meer fahren. Das ist gut fürs Gemüt und schlecht fürs Portemonnaie, aber das Gemüt geht in diesem Falle vor 😉 Also haben wir letzten Samstag kurzerhand beschlossen, drei Tage ans Meer zu fahren um mal wieder „runterzukommen“.

Wir hatten im letzten Monat eine schwierige Zeit. Der Plan, innerhalb von São Paulo umzuziehen ist ausgereift und wir haben begonnen, Kontakt zu Maklern aufzunehmen um uns Appartements oder kleine Häuser anzusehen. Nicht ganz leicht in der Gegend, in die wir ziehen möchten. Nicht ganz leicht mit unseren Budget. Und nicht ganz leicht mit der Mentalität der hiesigen Makler. Aber das ist eine andere Geschichte und gehört eigentlich in die Rubrik „Handwerk“.

Jo hatte sich letzte Woche passend zum Ende der Abiturprüfungen, die viel Zeit und Energie in Anspruch genommen haben, amtlich den Fuß verknackst und ist nun mit Krücken und Beinschiene unterwegs. Das war dann leider auch das Aus für unsere geplante Tour an die Iguaçu-Wasserfälle.

Meine Situation gestaltet sich gerade auch nicht rosig, denn SoulSampa hat sich nach 1monatigem Zaudern und Hadern und nicht wissen, was ist, eine Pause bis Januar verordnet. Daher habe ich zur Zeit keinen Job dort und überlege jetzt, was ich mit dem Gelernten oder sonst so tun kann. Sehr sehr schade, denn die Stadtouren haben mir viel Spaß gemacht, wenn es auch leider wenig Nachfrage gab. Schnarchnasen! 😉 Also gerade alles doof im Staate São Paulo!

Es gibt das geflügelte Wort, dass bei einem Spaziergang am Strand jede Welle ein Stück Sorge mitnimmt und das haben wir, Jo im Rahmen seiner Möglichkeiten, ausgiebig getestet. Ist zwar nicht alles weg, aber fühlt sich wieder leichter an. Der Strand in Juquehi ist wunderschön, lang und hat eine prächtige Brandung. Zum Schwimmen tricky, aber zum Surfen perfekt, wenn man das kann. Und es gibt eine Strandbar – DIE Strandbar ;-), wie Thomas bestätigen wird und zu der es uns immer wieder hinzieht. Hier die Blder von einem „Stressbeseitigungs-und-wieder-gut-drauf-komm“-Wochenende. pe

WAHLEN IN BRASILIEN

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Am Sonntag wird in Brasilien abgestimmt, ob die Regierung Lula weiterhin an der Macht bleibt. Denn auch wenn er selber nicht mehr antritt, hat seine Nachfolgerin Dilma Rousseff (vorne im Bild) im Moment allergrößte Chancen, das Rennen zu machen. Nicht zuletzt, weil sie bei den sozial schwach bis gar nicht Gestellten diejenige ist, der man die meiste Reformkraft zutraut.

So denkt auch Avanete, unsere Zugehfrau, die schon vor einiger Zeit per Briefwahl ihr Kreuzchen gemacht hat, da sie im Bundesstaat Bahia, ihrer Heimat, abstimmen muß. Hier ist es übrigens so, dass alle zur Wahl verpflichtet sind. Denn die Teilnahme wird auf der Carteira de Trabalho, dem offiziellen Arbeitsbuch jedes Brasilianers vermerkt. Kein Wahlgang, kein Job. So einfach geht das.

Auf Spiegel Online gibt es gerade ein Special zur Wahl, wenn es euch interessiert. Dort wird auch die schillerndste Kandidatin Marina Silva vorgestellt. Sie kandidiert für die Grünen und steht bei Künstlern und Intellektuellen hoch im Kurs. Ihre Reformpläne sind nicht weniger anspruchsvoll als die Dilmas, nur wird ihre Lobby vermutlich nicht so stark sein. Anbei ein Video von ihrer Website. So wird in Brasilien Wahlwerbung gemacht – man vergleiche das mit der unsrigen 😉

Sehr bemerkenswert sind die Lebensläufe der Kandidaten. Zum Beispiel: Dilma Rousseff war während der Militärdiktatur bei der Guerilla, wurde verhaftet und gefoltert. Marina Silva hat erst mit 16 Jahren Lesen und Schreiben gelernt und arbeitete als Hausangestellte, bevor sie später Geschichte studierte. Der Dritte, José Serra lebte während der Militärdiktatur 14 Jahre im Exil und hat in Princeton Ökonomie studiert. Alle drei sind charismatische Persönlichkeiten, allerdings mit unterschiedlichem Sympathiefaktor.

Als dann, ab Sonntag wissen wir mehr! pe

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