VIRADA CULTURAL

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Letztes Wochenende befand sich São Paulo in einem kulturellen Ausnahmezustand. Das Ganze nennt sich Virada Cultural und ist prinzipiell mit dem damaligen Kölner Ringfest zu vergleichen, nur dass in São Paulo zusätzlich die klassischen Orchester, Ballett- und Theaterensembles auftreten. Und natürlich ist alles umsonst, was dann ausnahmsweise allen Teilen der Bevölkerung die Möglichkeit eröffnet, an einem kulturellen Event teilzuhaben – und gute Geschäfte zu machen – siehe das Verkaufen und Wiedereinsammeln von Dosen.

Da São Paulo etwa 20 Millionen Einwohner hat, ist die Sache eine Spur größer, hier Zahlen: 1000 Veranstaltungen, 100 Veranstaltungsorte, davon die meisten im Centro, 13 Bühnen, 7 Pistas, etwa 3 Millionen Besucher, 24 Stunden.

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Yep, 24 Stunden dauert der Veranstaltungsmarathon, der samstags um 18h beginnt und dann ohne Pause bis sonntags 18h zelebriert wird. Für den Brasilianer ist es nicht unüblich, die Nacht über zu feiern (siehe Karneval im Sambodromo), daher ist auch tatsächlich 24 Stunden lang die Innenstadt granatenvoll – wie übrigens irgendwann auch die Leute dort 😉

Besonders schön war es, mal nachts im Centro umherzulaufen. Normalerweise für uns ein NoGo, weil es viel zu unsicher ist. Doch wenn man sich die Straßen mit 3 Millionen Anderen teilt? pe

Hier der offizielle Trailer zum Event >>> virada cultural

DONA YAYÁ

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In Bixiga steht das Haus der Dona Yayá. Haus ist gut gesagt, eigentlich ist es ein amtliches Herrenhaus, das sich früher inmitten einer Fazenda befand – heute ist nur noch ein kleiner Garten übrig. Es gehört der Universität São Paulo und die hat dort das Zentrum für den Erhalt der Kultur untergebracht. >>> Centro de Preservação Cultural

Wirklich interessant ist die Geschichte von Yayá, die eigentlich Sebastiana de Melo Freire hieß, 1887 geboren wurde und zu einer aristrokratischen und auch politisch sehr bedeutenden Familie in São Paulo gehörte. Das Leben, oder sagen wir die Umstände, oder sagen wir die Verschwörung – letzteres ist nicht bewiesen, wird jedoch vermutet –  haben ihr Leben zu einer Tragödie gemacht.

Es begann mit einer Todesserie, die Yayás Familie beinahe völlig eliminierte: Eine Schwester erstickte, die Andere starb an einer Infektion. 1899 starb die Mutter, da war Yayá 12 Jahre alt. Zwei Tage später folgte der Vater. Im Jahr 1905 dann der nächste Schlag: Ihr Bruder, bei dem eine geistige Erkrankung diagnostiziert wurde, stürzte sich auf einer Schiffsreise nach Buenos Aires ins Meer und starb ebenfalls.

Somit war Yayá die einzig Überlebende der Familie und erbte ein gewaltiges Vermögen. Untergebracht in einem stattlichen Haus in São Paulo lebte sie das Leben der Bohème, veranstaltete Abende mit ihren Freunden, widmete sich der Fotografie, soll angeblich reichlich Verehrer gehabt haben, die sie aber alle ablehnte, da sie eine tragische und unerwiderte Liebe mit Edu Chaves verband. (Zur Info: Chaves war ein junger Flieger, der als Erster die Strecke São Paulo – Rio ohne Tankstopps versuchte – damals ein ordentliches Abenteuer mit Anspruch auf Heldenstatus. Geschafft hat er das am 5. Juli 1914)

Im Jahr 1918, Yayá war 31 Jahre alt, zeigten sich Symptome einer möglichen Geisteskrankheit. Sie versuchte einen Selbstmord und wurde daraufhin in einem Sanatorium untergebracht, das aber sehr bald als ungeeignet angesehen wurde, sie auf Dauer zu beherbergen. Daher erwarb man als Wohnsitz ein leerstehendes Herrenhaus in Bixiga. Gleichzeitig entbrannte ein Streit um Vormundschaft, die Verwahrung ihrer Vermögenswerte und es gab eine Reihe von Gerüchten und Skandalen.

Anerkannte Psychiater Brasiliens wurden herbeizitiert, um Yayás Geiseszustand einzuschätzen und man kam überein, dass es sich bei ihrer Erkrankung um eine Form der Schizophrenie handeln müsse, die sich in einer Weise zeigte, sich selbst zu verletzten, gegen Wände zu laufen … kurz und knapp: Eine Gefahr für sich und Andere. Daher wurde sie isoliert und eingesperrt. Das Herrenhaus wurde ihren Bedürfnissen angepasst mit speziellen Bädern oder splitterfreien Fenstern, die nur von außen zu öffnen waren. Sie blieb bis zum ihrem Tod 1961 komplett isoliert – 36 Jahre lang. Ihr Vermögen, größtenteils Immobilien der Familie, hinterließ sie der Universität São Paulo.

Heute wird vermutet, dass ihre Isolierung primär dem Zweck diente, sie aus dem Weg zu schaffen, um statt ihrer in eine Machtposition zu kommen und den Zugriff auf ihr Vermögen zu erlangen.

Wahnsinns Geschichte, oder? Ich finde, das ist ein Filmstoff. pe

MÄBILINI

Dass wir hier mit der portugiesischen Sprache zu kämpfen haben, ist ja nichts Neues. Aber es tauchen auch immer wieder Begriffe auf, die wir eigentlich kennen, die aber durch den Portugiesisch-Filter dermaßen unkenntlich gemacht werden, dass es oft ein großes Hurra gibt, wenn sich die eigentliche Bedeutung klärt.

Grundsätzlich kann man festhalten, dass der Brasilianer phonetisch ein „I“ braucht, um Anglismen, Markennamen oder anderstämmige Wörter zu verbrasilianisieren. Dieses wird stellvertretend als „E“ eingesetzt, zum Beispiel „NIVIA“. Oder es wird vor dem Vokal „E“ eingesetzt – siehe „PIETRA“. Manchmal kommt es auch ans Wortende „BAYERN MUNIKI“.

Mittlerweile haben wir uns eingehört, aber dennoch gibts immer wieder lustige Überraschungen, wie gestern in der Drogerie, als mir ein Lippenstift von MÄBILINI offeriert wurde. Hier eine Liste der Lieblingsbegriffe – mal sehen, ob ihr alles erkennt. pe

FORDSCHI
COLGATSCHI
LONGINÄCKI
HOCKI
FIATSCHI
BASFI
FUTSCHIBOLLI
SZENICI
PANTENI
BIKI MÄKI
SAMSUNGI
CAMÄO
SCHICKI
ZEIA

GUTEN MORGEN

Wenn Sie bitte mal reinhören möchten … dieses ist ein Ausschnitt aus einem, bereits eine Woche andauernden Konzert, welches in der über uns liegenden Wohnung jeden Tag von 9h bis etwa 17h mit einem 3 Mann Orchester aufgeführt wird. Herrlich! pe

 

BEIJA-FLOR

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Echt witzig! In der alten Wohnung habe ich immer versucht, die Kolibris anzulocken. Man kann hier kleine Wasserbehälter kaufen, die in die Bäume gehängt werden und die als Ausgang große Plastikblüten haben. So wird den Tierchen die Blume vorgegaukelt und in der Regel funktioniert das bestens, vor allem, wenn man dem Wasser ein bißchen Zucker beimischt.

Das fanden bisher ziemlich viele Vögel spitze, zum Beispiel die Olsen-Bande, 5 Vögel in blau, die sich regelrecht um den Stoff geprügelt haben und morgens schon auf der Lauer lagen, wann die Frau Bähner mit dem Nachschub kommt. Aber leider war nie ein Beija-Flor dabei, für den das Ding ja eigentlich gedacht war.

Und jetzt wohnen wir hier im 11ten Stock und täglich fensterln die Viecher – ohne dass wir Zuckerwasser in Plastikblüten oder was anderes offerieren. Keine Ahnung, was daran so aufregend sein soll, an einer kahlen Hauswand hochzufliegen? Aber ich verstehe ja auch nicht, warum der Brasilianer an einer vierspurigen Straße joggt. Oder warum sich am Strand alles auf 20 Metern zusammenrottet, wo doch so viel Platz da ist (das Foto wird übrigens nachgereicht, wenn wir noch einmal zum Praia Grande fahren – das glaubt ihr nicht!)

Naja, jedenfalls finde ich es super, dass es mir endlich gelungen ist, eine Aufnahme zu machen. Die Tiere sind unheimlich scheu und jede Bewegung auf der anderen Seite des Fensters hat für die bisher ausgereicht, umgehend davonzuflattern. Spricht einiges dafür, dass ich sehr gute Pirsch-Qualitäten habe, oder? pe