WERS GLAUBT …

Religion in Brasilien – ein weites Feld und ich fühle mich kaum in der Lage, das alles auseinander zu puzzeln, geschweige denn, fundiert zu erklären. Dennoch ist das Thema Religion oder Spiritualität hier allgegenwärtig und auf unserer Reise gab es viele Momente, in denen wir Glaube, Aberglaube oder Mystik begegnet sind. Als dann, versuche ich es mal …

kirchenKATHOLIZISMUS

Zuerst erstaunt die große Anzahl von barocken Kirchen, die vor allem in Salavdor und Ouro Preto das Stadttbild prägen. Zu verdanken hat das der Brasilianer dem Portugiesen, denn er war es, der den Katholizismus im 16. Jhd. im Zuge der Kolonialisierung Brasiliens mitgebracht hat und natürlich Gotteshäuser zur Ausübung der Religion brauchte.

Äußerst praktisch war in dem Zusammenhang, dass Ende des 17. Jhds. im heutigen Bundesland Minas Gerais Gold gefunden wurde und man nun in der Lage war, es a) im großen Stile abzubauen, wozu afrikanische Sklaven ins Land entführt wurden, die dann zu Tausenden in den Minen verschlissen wurden und b) die Gotteshäuser als prächtig als möglich mit Gold auszustatten.

IMG_6692Goldüberzogene Hochaltäre, Säulen, Putten, Bildchen und Gedöns – herrlich, wenn man Spaß an Prunk hat. Daher zu empfehlen: Die Igreja de São Francisco in Salvadors Altstadt, die in diesem Sinne das goldigste ist, was ich bisher gesehen habe.

CANDOMBLÉ

Durch die Einfuhr der Sklaven vermasselte man sich allerdings das Monopol des Katholizismus, denn sie brachten ihre eigenen Gottheiten, genannt Orixas, mit. Das sah der Portugiese gar nicht gerne und verbot die pure Ausübung der afrikanischen Religionen, tolerierte es aber, wenn sie sich eines kleinen Tricks bedienten, nämlich der Tarnung unter dem Deckmantel des katholischen Glaubens. So ist z.B. Oxalá, Sohn der höchsten Gottheit Olorún, der die Schöpfungsenergie verkörpert, gleichgesetzt mit Jesus, Iemanjá, die Meeresgöttin, mit der Jungfrau Maria.

Diese Mischung existiert bis heute unter dem Namen Afro-Brasilianische Religion und die wichtigste ist wohl der Candomblé, der noch bis in die 70er Jahre des 20. Jhds. in Brasilien verboten war. Wir waren daher kaum verwundert, als man in einer katholischen Kirche in Salvador um Besucher für eine Candomblé-Zeremonie warb. Wir haben es uns auch angeschaut – 4 Stunden hat das Ritual gedauert – mit Trommeln, Tänzen, Trance, wunderbaren Kostümen. Sehr interessant und empfehlenswert. Hier ein kurzer Film

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IGREJA DO BONFIM

Ein besonderer Fall des afro-brasiliansichen Glaubens ist die Franziskanerkirche Igreja do Bonfim, im Candomblé Oxala gewidmet, im Katholizismus Christus. Bonfim bedeutet gutes Ende. Es ist das wichtigste Gotteshaus Salvadors und selbst Papst Johannes Paul II hat es 1997 besucht. Jedes Jahr im Januar werden bei einem Ritual die Stufen hoch zur Kirche von weißgekleideten Frauen gereinigt, um für erfahrene Gnade zu danken oder um Hilfe zu bitten.
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Vor der Kirche werden bunte Stoffarmbänder, die sogenannten Fitinhas verkauft, die mit drei Knoten, die drei Wünsche symbolisieren, um das Handgelenk gewickelt werden, alternativ für den modebewussten Brasilianer um den Zaun vor der Kirche. Die Wünsche gehen erst in Erfüllung, wenn das Band von allein abfällt. Abschneiden bringt Pech und so hoffe ich, dass an dem Glauben nix dran ist, denn ich hab mein Bändchen nach einer Zeit abgeschnitten, weil es zu eng gebunden war. Aber pssst, ist sicherheitshalber noch eins am Zaun!

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In der Kirche dann ein weiters Mysterium – die Ex Votos. Das sind Nachbildungen aller möglichen Körperteile, früher aus Holz, heute aus Wachs, die in einem Nebenraum der Kirche aufgehängt werden, verbunden mit dem Wunsch um Besserung oder Heilung, oder was eben so ansteht. Geht der Wunsch in Erfüllung, werden Dankesgaben gebracht und so ist im angrenzenden Museum eine wahre Fülle an verschiedensten Dingen zu bestaunen – Fußballtrikots legendärer Kicker, Füller von Politikern, Goldschmuck von Diven und so weiter. Rund um die Kirche kann man in kleinen Souvenirläden Ex Votos erwerben und ich hatte nicht übel Lust, ein Körperteil zu kaufen. Habs aber nicht gemacht – man soll sich ja nicht lustig machen.

FREIKIRCHEN

Auch wenn Brasilien zahlenmäßig noch die grösste katholische Gemeinde weltweit ist, geht der Anteil der Mitglieder zurück. Viele zieht es in die evangelikalen Freikirchen, Pfingstkirchen oder zu Sekten. Vor allem in den Armenvierteln scheinen diese Gemeinden zu boomen. Diese Kirchen sind nicht ganz unumstritten, da ihnen Profitmacherei via Glaube vorgeworfen wird.

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Den neuen Evangelikalen haben wir zufällig auf Buzios bei einem ihrer Rituale zugesehen. Eigentlich wollten wir zum Baden an einen kleinen Strand, ein bißchen Abgeschiedenheit und Ruhe suchen und waren gar nicht amused, als auf einmal wahre Ströme von weißgekleideten Menschen eben selbigen Strand aufsuchten.

Doch Empörung wich rasch Interesse, denn es handelte sich um eine kleine Kirchengemeinde, die das Ritual der Reinigung der Seele durchführte. Dazu stiegen drei Priester ins Wasser und tunkten nacheinander zu reinigende Mitglieder unter, die darauf hin auch sehr beseelt und fröhlich das Wasser verließen. Die restliche Gemeinde sang derweil freikirchliche Kirchenlieder. War lustig, dem zuzusehen, wobei ich mir ein wenig Sorge um die Gesundheit  der drei Herren im Wasser machte, denn das Ganze dauerte fast zwei Stunden. Boah – Kalt!

CAHANCA

Meine Lieblingsfigur in Sachen Glaube oder Aberglaube ist allerdings der Cahanca. Früher wurde diese Figur, ähnlich den Gallionsfiguren, vorne an den Bootsrümpfen angebracht und diente zum Schutz des Bootes und zur Vertreibung von Bösem. Daher war der Cahanca auch keine dralle barbusige Dame, sondern ein sehr grimmig blickender Geist, gerne auch mit Löwenkopf, der große Fangzähne hatte und nicht betören sondern abschrecken sollte.

Heute findet man Nachbildungen dieser Figur häufig im Eingang brasilianischer Häuser, der Zweck ist der Gleiche geblieben. Und so Einen mussten wir natürlich auch haben, damit er immer fein aufpasst. Schadet ja nicht.

Gefunden haben wir unseren „Hank“ auf dem Markt São Joachim in Salvador, einer Empfehlung unseres Wirtes folgend. Wir waren nicht so sicher, ob es wirklich eine gute Idee war, als Ausländer diesen Markt zu besuchen. Kleine Gassen, Gewusel, Enge, Geruch und der etwas befremdete Blick der Einheimischen ließen den Besuch anfangs auch zu einem eher merkwürdigen Vergnügen werden.

Aber wir haben uns nicht einschüchtern lassen und irgendwann stand er dann in einer Ecke, genauso, wie wir ihn uns gewünscht hatten und zu einem gnadenlos fairen Preis. Der sollte es dann auch werden und ich möchte euch im Rahmen dieses Artikels über Glaube und Aberglaube nicht vorenthalten, dass mein Gatte nachts, bevor wir zum Markt gingen, geträumt hatte, dass wir „unseren“ Hank an einer besonderen und sehr abgeschiedenen Stelle finden würden 😉 pe

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