TEATRO MUNICIPAL

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Schönes Theater, gelungene Architektur, beindruckender Innenraum – alles gut im Teatro Municipal, das wir letzte Woche besucht haben, um ein klassisches Konzert zu hören und mal „zu gucken“. Das Theater ist erst letzten Sommer nach langer Renovierungszeit wiedereröffnet worden und ein Besuch steht auf unserer „ToDo“-Liste der Dinge, die wir unbedingt noch erledigen möchten, bevor es zurück nach Deutschland geht.

Das Theater an sich ist toll, aber richtig besonders wird es, wenn man sich die Historie dieses Gebäudes vor Augen führt. Nicht nur, dass dort internationale Künstler wie Maria Callas, Enrico Caruso oder Rudolph Nureyev aufgetreten sind – das Teatro war auch Schauplatz der für die brasilianische Kunst wichtigsten Veranstaltung ever – der Semana de Arte Moderna.

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MODERNISMO

Vom 11ten bis zum 18ten Februar 1922 hatte eine ganz besondere Künstlergruppe das Theater für Vorträge, Lesungen, Diskussionen und Ausstellungen angemietet. Die Idee, die in dieser Woche ihren Ausdruck fand, war, die brasilianische Kunst von ihren europäischen Vorbildern (zum Beispiel Dadaismus oder Surrealismus) abzulösen und eine eigene brasilianische Identität zu schaffen.

Kann man ja gut verstehen, denn Brasilien ist von der Kultur der Einwanderer, zurück bis zum 16ten Jhd., geprägt worden. Erst kamen die Portugiesen, dann die Afrikaner, die Italiener, Deutschen und Japaner – nicht alle ganz freiwillig, aber alle wollten sie ein Wörtchen mitreden und mitgestalten. So entstand Anfang des 20 Jhds, als Brasilien sich mehr und mehr industrialisierte und eigenständiger wurde, vor allem in intellektuellen Kreisen der Wunsch, diesem bunt gemischten Volk eine eigene kulturelle Identität zu geben.

Mário de Andrade, damals 29-jährig und Vater der Bewegung forderte „im Namen aller Künstler das Recht auf Selbstbestimmung der ästhetischen Werte, die Aktualisierung der brasilianischen Kunst sowie die Bildung eines kreativen Nationalbewusstseins.“ So!

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Die Semana de Arte ist als Begründung des brasilianischen Modernismo in die Geschichtsbücher eingegangen und Teilnehmer waren unter anderem Künstler wie Tarsila do Amaral, Di Cavalcanti, Mário de Andrade, Oswald de Andrade und Heitor Villa-Lobos.

Das Gemälde oben ist das bedeutendste der erstgenannten Künstlerin Tarsila do Armaral. Sie hat es 1928 gemalt und es trägt den Titel „Abaporu“, was in der indigenen Tupi-Sprache „Anthropopage“ , also Menschenfresser heisst. Der Titel des Bildes ist Namensgeber für das Anthropopagische Manifest, das Oswaldo de Andrade, Gatte Tarsilas im Rahmen der Modernismo-Bewegung verfasst hat. Motto ist, „das Fremde nicht wegzuschieben, sondern aufzufressen.“ Damit beschreibt er in einer These, verschiedene Kulturen zu absorbieren um damit eine neue brasilianische Identität zu gestalten.

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Diese Idee ist bis heute in allen Bereichen der brasiliansichen Kultur wirksam, zum Beispiel beim Street-Art-Künstler Nunca. Seine Charaktere sind unter anderem Kannibalen, die sich gegenseitig auffressen oder zerteilen und dabei amerikanische Markenimporte wie Nike (er schreibt es lautsprachlich NAIQUE) oder Oakley (Oakleii) tragen. So finden sich an den Wänden São Paulos abgetrennte Finger, Arme oder andere Körperteile und die Gründer des Modernismo wären sicher begeistert.

Ich bin jetzt noch untröstlich, dass die Fotos der Graffiti und Street-Art-Gemälde auf dem Bauzaun um das Teatro Municipal mitsamt meiner Kamera auf unerklärliche Weise verschwunden sind. Da hätte sich sicher auch ein Nunca gefunden. pe

BAYERN DE MUNIQUE

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Neee, neee, neee – also das war ja wohl nichts! Drei Matchbälle und alle versiebt! Da können einem selbst die Bayern ein bisschen leid tun. Gesehen haben wir das Endspiel der Champions League im São Cristovão, besagter Boteca, in die wie uns eigentlich fast immer begeben, wenn es etwas „amtliches“ in Sachen Fußball zu gucken gibt, weil die es übertragen.

Gestern sogar inklusive Merchandising wie kleinen Tischaufstellern und Buttons, die die Live-Übertragung des Spiels angekündigt haben. Das habe ich dort bisher noch nicht gesehen und wir hatten kurz Sorge, dass sich auch ein Kamerateam blicken lässt, um ein paar Kommentare einzufangen. Das haben die aber schön bleiben lassen.

Viele der anwesenden Fußballfans waren auf unserer Seite, teilweise sogar im passenden Outfit. Aber es gab auch reichlich „blaue“ Seelen und so wurde während des 2-stündigen Fußballfiaskos mal hier „Hurra“ geschrieben und mal dort „Não“, mal hier die Hände vors Gesicht geschlagen und mal dort „Goooool“ gejubelt.

Bundesligafinale, Pokalendspiel und Champions League – jetzt sind wir warm und freuen und schon auf die Fußball-EM, die natürlich auch verfolgt werden muss. Unsere Handtücher haben wir im São Cristovão jedenfalls schon ausgelegt! pe

ABSCHIED NEHMEN

Das tut immer weh und ich bin da gar nicht gut drin, aber der Abschied gestern hatte eine Dimension, mit der ich nicht gerechnet hatte. Eigentlich wollte ich nur mal zum alten Haus in die Flexa fahren und Donisete, dem „All-Wetter-Parkticketverkäufer“, besser gesagt, der guten Seele der Straße ein fröhliches „Bom Dia“ sagen. Und dann das hier!

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Nachdem wir ausgezogen sind stand das Haus lange Zeit leer und ist erst kürzlich verkauft worden. Die neuen Besitzer bzw. deren Architekt sind gerade dabei, keinen Stein mehr auf dem anderen zu lassen.

Normalerweise kümmert mich Renovierung nicht, aber das Haus war einfach eine Perle und wunderhübsch mit den alten Fliesen, Fenstern, Bädern – dem Wintergarten usw. Die, die es gekannt haben, werden mich verstehen! Ich heule schon wieder, wenn ich daran denke, dass davon nur ein paar tragende Wände übrig bleiben.

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Wie kann man so wenig Sinn für den Erhalt von Altem und Besonderem haben? Hier in São Paulo ist man mit der ganz großen Abrissbirne unterwegs, um neue und moderne Gebäude aufzubauen. Das sehen wir häufig bei uns im Viertel, wenn die kleinen Stadthäuschen verschwinden. Und jetzt leider auch in der Flexa.

Donisete hatte auch ganz feuchte Augen, als er mir die Umbauarbeiten zeigte. Aber er meinte, es wird sicher ganz schön und hat mich feste gedrückt. Gute Seele! 😉 pe

EUKALYPTUS

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Das, was gerade so hübsch dekorativ auf unserem Tisch steht und den ganzen Raum mit natürlichen ätherischen Ölen beduftet ist das Abfallprodukt dessen, mit dem ihr euch evtl. gerade die Nase putzt – auch ätherische Öle drin, diesmal künstlich.

Die Eukalyptusindustrie ist gigantisch in Brasilien, denn hier gedeiht die schnell wachsende Pflanze, die ursprünglich aus Australien kommt, besonders gut. Verarbeitet wird das Holz zu Zellulose, aus der nach Bleichung Papier gewonnen wird. Und da haben wir direkt vier Probleme auf einmal:

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Die Eukalyptusplantagen verdrängen den tropischen Küstenurwald, wie wir im Sommer auf unserer Reise nach Salvador selber sehen konnten. In den Urwäldern wachsen normalerweise pro Hektar 450 Baumarten und 92 Prozent aller Amphibienarten leben ausschliesslich dort. Heute sind noch 7% des ursprünglichen „Mata Atlântica“ erhalten und viele Pflanzen- und Tierarten sind ausgerottet.

Nicht nur die Tiere wurden verdrängt, sondern auch die dort lebenden Bauern, die ihre Felder für die Industrie räumen mussten und als Arbeiter auf den Plantagen angestellt wurden. Durch den Einsatz technischer Hilfsmittel werden immer mehr Stellen gestrichen und das führt zu Arbeitslosigkeit und großen Konflikten.

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Die Bäume werden als Monokulturen gepflanzt, um die Plantagen einfacher bewirtschaften zu können. Ein Eukalyptusbaum entzieht dem Boden jede Menge Wasser, 30 Liter braucht er am Tag. Das hat zur Folge, dass Flüsse oder Wasserquellen austrocken und der Grundwasserspiegel absinkt. Damit veröden ganze Landstriche und werden für Jahre unbrauchbar.

Um aus dem kleingehackten Eukalyptusholz Zellulose zu gewinnen, muss es gebleicht werden und das macht der Brasilianer am liebsten mit Chlor. So wurde das Farbrikabwasser verseucht und Arbeiter, die dauerhaft damit in Kontakt waren, erkrankten an Krebs. Heute verwendet man weniger giftige Chloride, doch die Grundwasserwerte sind dauerhaft kritisch.

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Da schaut man ein hübsches, weißes Taschentuch schon mit anderen Augen an, oder? Zum Glück ist aber alles langsam auf dem Weg der Besserung, da man die Probleme erkannt hat. So werden immer mehr Zertifikate installiert, die nachhaltig und sozial gerechtes Papier kennzeichnen, denn damit kann Druck auf die Papierriesen ausgeübt werden.

Also achtet beim Kauf von Papier auf die Gütesiegel, wie den „blauen Engel“, „FSC“ oder „Oecoplan“, denn das hilft der Natur und den Menschen hier. Und ich genieße jetzt trotzdem den tollen Duft im Wohnzimmer. pe

PRINCESA BIBESCO

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Èduard Vuillard ist ein Maler des französischen Impressionismus, genauer gesagt, des Intimismus. Diese Bezeichung bezieht sich auf die gedämpften „intimen“ Farben, so heisst es.

Aber wenn ich das MASP aufsuche (Museu de Arte de São Paulo), um mein allerliebstes impressionistisches Lieblingsbild im Original zu bewundern, nämlich das Portrait der in Bukarest geborenen Schriftstellerin Princesa Bibesco, von eben jenem Herrn Vuillard 1920 gemalt, dann springen mir die Farben nur so ins Gesicht und ich kann das so gar nicht intim finden – eher psychedelisch.

Das MASP zeigt in seiner Dauerausstelung Bilder der Romantik und ich frage mich immer, warum sooo viele berühmte Gemälde in São Paulo gelandet sind? Künstler wie El Greco, Bosch, Turner, Gauguin, Van Gogh, Renoir, Monet und Manet, Dali, Rodin, Matisse und weitere sind dort zu sehen. Uffffz …!

Also wenn ihr mal die Gelegenheit haben solltet, dürft ihr das MASP auf der Avenida Paulista auf keine Fall versäumen. Ich könnt auch schon wieder … 😉 pe

PS: Architektonisch übrigens ebenfalls ziemlich wertvoll, denn das MASP ist auf den Bleistift von Lina Bo Bardi zurückzuführen, einer bedeutenden italienisch/brasilianischen Architektin.