DIE ZOCKER VON IGUAPE

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Iguape ist eine kleine Kolonialstadt im Süden des Bundesstaates São Paulo und etwa 2,5 Autostunden (unter normalen Bedingungen – dazu ein ander‘ Mal mehr) von São Paulo entfernt. Nah am Meer gelegen, mit einer vorgelagerten Insel, der Ilha Comprida, einem reichhaltigen Angebot an Krustentieren und Fischen aufgrund der üppigen Mangrovenlandschaft, einem fruchtbaren Tal im Rücken – also allem, was man rein geografisch gut gebrauchen kann, um eine florierende Handelsstadt zu werden.

Das wurde man auch – vor allem dank des Reisanbaus und dessen guter Qualität – sodass Mitte des 19Jhds blühender Wohlstand herrschte: 5 Reisfabriken sorgten dafür, dass wöchentlich etwa 10 Frachtschiffe Richtung Europa aufbrechen konnten, Banken handelten die Deals aus und finanzierten die Unternehmungen, 6 Zeitungen kursierten, es gab ein reichhaltiges kulturelles Angebot, zum Teil mit europäischen Künstlern und sogar ein französisches Konsulat. Im Netz las ich, dass die Stadt etwa die Bedeutung Rios oder Salvadors hatte – damals. Heute nicht mehr. Was war denn da los?

Nun, der Abtranport der Waren aus dem Hinterland lief den findigen Geschäftsleuten einfach nicht perfekt genug, denn die Ware musste über einen Fluß, den Ribeira, transportiert werden, wurde dann auf Wagen umgeladen, zu einem Hafen gebracht und konnte dort erst verschifft werden. Doof, wenn man das Ganze doch theoretisch komplett auf dem Wasserweg lassen und damit logistisch vereinfachen könnte, indem man einen Kanal baut, der Fluss- und Seeweg miteinander verbindet um damit die künftige wirtschaftliche Lage aufs Feinste zu optimieren.

Gesagt – Antrag gestellt! Dank der Bedeutung der Stadt gelang es, das Anliegen beim damaligen König Don Pedro II vor- und durchzubringen, sodass der Kanal dann 1855 fertiggestellt werden konnte, stolze 4 km lang. Doch leider hatte man die Rechnung ohne den Fluss gemacht: Die Wassermassen hatten nun eine prima Abkürzung Richtung Meer, wurden reissender und spülten gleich mal alles drumhherum mit weg. Iguape Land unter!

Kein Hafen mehr, keine Geschäfte mehr und somit gab es einen rapiden wirtschaftlichen Abstieg, der zur Folge hatte, dass viele Bewohner die Stadt verliessen. Die wenigen, die blieben hatten mit einem weiteren Problem zu kämpfen, denn der Bestand an Krustentieren und Fischen dezimierte sich rasch aufgrund der ernormen Süßwassermengen.

Erst durch die Einwanderung der Japaner Anfang des 20ten Jhds. stabilisierte sich die Region wieder. Heute werden dort Reis, Tee und Bananen angebaut, Krustentiere gefangen und der Tourismus wird sanft und ökologisch gefördert. pe

WERS GLAUBT …

Religion in Brasilien – ein weites Feld und ich fühle mich kaum in der Lage, das alles auseinander zu puzzeln, geschweige denn, fundiert zu erklären. Dennoch ist das Thema Religion oder Spiritualität hier allgegenwärtig und auf unserer Reise gab es viele Momente, in denen wir Glaube, Aberglaube oder Mystik begegnet sind. Als dann, versuche ich es mal …

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Zuerst erstaunt die große Anzahl von barocken Kirchen, die vor allem in Salavdor und Ouro Preto das Stadttbild prägen. Zu verdanken hat das der Brasilianer dem Portugiesen, denn er war es, der den Katholizismus im 16. Jhd. im Zuge der Kolonialisierung Brasiliens mitgebracht hat und natürlich Gotteshäuser zur Ausübung der Religion brauchte.

Äußerst praktisch war in dem Zusammenhang, dass Ende des 17. Jhds. im heutigen Bundesland Minas Gerais Gold gefunden wurde und man nun in der Lage war, es a) im großen Stile abzubauen, wozu afrikanische Sklaven ins Land entführt wurden, die dann zu Tausenden in den Minen verschlissen wurden und b) die Gotteshäuser als prächtig als möglich mit Gold auszustatten.

IMG_6692Goldüberzogene Hochaltäre, Säulen, Putten, Bildchen und Gedöns – herrlich, wenn man Spaß an Prunk hat. Daher zu empfehlen: Die Igreja de São Francisco in Salvadors Altstadt, die in diesem Sinne das goldigste ist, was ich bisher gesehen habe.

CANDOMBLÉ

Durch die Einfuhr der Sklaven vermasselte man sich allerdings das Monopol des Katholizismus, denn sie brachten ihre eigenen Gottheiten, genannt Orixas, mit. Das sah der Portugiese gar nicht gerne und verbot die pure Ausübung der afrikanischen Religionen, tolerierte es aber, wenn sie sich eines kleinen Tricks bedienten, nämlich der Tarnung unter dem Deckmantel des katholischen Glaubens. So ist z.B. Oxalá, Sohn der höchsten Gottheit Olorún, der die Schöpfungsenergie verkörpert, gleichgesetzt mit Jesus, Iemanjá, die Meeresgöttin, mit der Jungfrau Maria.

Diese Mischung existiert bis heute unter dem Namen Afro-Brasilianische Religion und die wichtigste ist wohl der Candomblé, der noch bis in die 70er Jahre des 20. Jhds. in Brasilien verboten war. Wir waren daher kaum verwundert, als man in einer katholischen Kirche in Salvador um Besucher für eine Candomblé-Zeremonie warb. Wir haben es uns auch angeschaut – 4 Stunden hat das Ritual gedauert – mit Trommeln, Tänzen, Trance, wunderbaren Kostümen. Sehr interessant und empfehlenswert. Hier ein kurzer Film

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IGREJA DO BONFIM

Ein besonderer Fall des afro-brasiliansichen Glaubens ist die Franziskanerkirche Igreja do Bonfim, im Candomblé Oxala gewidmet, im Katholizismus Christus. Bonfim bedeutet gutes Ende. Es ist das wichtigste Gotteshaus Salvadors und selbst Papst Johannes Paul II hat es 1997 besucht. Jedes Jahr im Januar werden bei einem Ritual die Stufen hoch zur Kirche von weißgekleideten Frauen gereinigt, um für erfahrene Gnade zu danken oder um Hilfe zu bitten.
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Vor der Kirche werden bunte Stoffarmbänder, die sogenannten Fitinhas verkauft, die mit drei Knoten, die drei Wünsche symbolisieren, um das Handgelenk gewickelt werden, alternativ für den modebewussten Brasilianer um den Zaun vor der Kirche. Die Wünsche gehen erst in Erfüllung, wenn das Band von allein abfällt. Abschneiden bringt Pech und so hoffe ich, dass an dem Glauben nix dran ist, denn ich hab mein Bändchen nach einer Zeit abgeschnitten, weil es zu eng gebunden war. Aber pssst, ist sicherheitshalber noch eins am Zaun!

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In der Kirche dann ein weiters Mysterium – die Ex Votos. Das sind Nachbildungen aller möglichen Körperteile, früher aus Holz, heute aus Wachs, die in einem Nebenraum der Kirche aufgehängt werden, verbunden mit dem Wunsch um Besserung oder Heilung, oder was eben so ansteht. Geht der Wunsch in Erfüllung, werden Dankesgaben gebracht und so ist im angrenzenden Museum eine wahre Fülle an verschiedensten Dingen zu bestaunen – Fußballtrikots legendärer Kicker, Füller von Politikern, Goldschmuck von Diven und so weiter. Rund um die Kirche kann man in kleinen Souvenirläden Ex Votos erwerben und ich hatte nicht übel Lust, ein Körperteil zu kaufen. Habs aber nicht gemacht – man soll sich ja nicht lustig machen.

FREIKIRCHEN

Auch wenn Brasilien zahlenmäßig noch die grösste katholische Gemeinde weltweit ist, geht der Anteil der Mitglieder zurück. Viele zieht es in die evangelikalen Freikirchen, Pfingstkirchen oder zu Sekten. Vor allem in den Armenvierteln scheinen diese Gemeinden zu boomen. Diese Kirchen sind nicht ganz unumstritten, da ihnen Profitmacherei via Glaube vorgeworfen wird.

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Den neuen Evangelikalen haben wir zufällig auf Buzios bei einem ihrer Rituale zugesehen. Eigentlich wollten wir zum Baden an einen kleinen Strand, ein bißchen Abgeschiedenheit und Ruhe suchen und waren gar nicht amused, als auf einmal wahre Ströme von weißgekleideten Menschen eben selbigen Strand aufsuchten.

Doch Empörung wich rasch Interesse, denn es handelte sich um eine kleine Kirchengemeinde, die das Ritual der Reinigung der Seele durchführte. Dazu stiegen drei Priester ins Wasser und tunkten nacheinander zu reinigende Mitglieder unter, die darauf hin auch sehr beseelt und fröhlich das Wasser verließen. Die restliche Gemeinde sang derweil freikirchliche Kirchenlieder. War lustig, dem zuzusehen, wobei ich mir ein wenig Sorge um die Gesundheit  der drei Herren im Wasser machte, denn das Ganze dauerte fast zwei Stunden. Boah – Kalt!

CAHANCA

Meine Lieblingsfigur in Sachen Glaube oder Aberglaube ist allerdings der Cahanca. Früher wurde diese Figur, ähnlich den Gallionsfiguren, vorne an den Bootsrümpfen angebracht und diente zum Schutz des Bootes und zur Vertreibung von Bösem. Daher war der Cahanca auch keine dralle barbusige Dame, sondern ein sehr grimmig blickender Geist, gerne auch mit Löwenkopf, der große Fangzähne hatte und nicht betören sondern abschrecken sollte.

Heute findet man Nachbildungen dieser Figur häufig im Eingang brasilianischer Häuser, der Zweck ist der Gleiche geblieben. Und so Einen mussten wir natürlich auch haben, damit er immer fein aufpasst. Schadet ja nicht.

Gefunden haben wir unseren „Hank“ auf dem Markt São Joachim in Salvador, einer Empfehlung unseres Wirtes folgend. Wir waren nicht so sicher, ob es wirklich eine gute Idee war, als Ausländer diesen Markt zu besuchen. Kleine Gassen, Gewusel, Enge, Geruch und der etwas befremdete Blick der Einheimischen ließen den Besuch anfangs auch zu einem eher merkwürdigen Vergnügen werden.

Aber wir haben uns nicht einschüchtern lassen und irgendwann stand er dann in einer Ecke, genauso, wie wir ihn uns gewünscht hatten und zu einem gnadenlos fairen Preis. Der sollte es dann auch werden und ich möchte euch im Rahmen dieses Artikels über Glaube und Aberglaube nicht vorenthalten, dass mein Gatte nachts, bevor wir zum Markt gingen, geträumt hatte, dass wir „unseren“ Hank an einer besonderen und sehr abgeschiedenen Stelle finden würden 😉 pe

STENCILS

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Was dem Paulistano das Graffitti, ist dem Buenos Airesser das Stencil, also das Sprühen mittels einer Schablone. Diese Kunst braucht in der Vorbereitung Zeit und Fingerfertigkeit mit dem Skalpell, aber einmal angefertigt, kann mit der Schablone ganz schnell – und dadurch im besten Falle unerkannt – ein Bild zigfach reproduziert werden, eine Botschaft zigfach transportiert werden. Und darum gehts!

Der Ursprung der Bewegung ist wohl in der Zeit des argentinischen Ausnahmezustandes von 2001 zu finden, als klassenübergreifende Proteste gegen die Regierung stattfanden, mit der Forderung: „Que se vayan todos!“ / „Alle sollen verschwinden!“ Gefordert wurde das Verschwinden aller politischen Parteien und die komplette Neustrukturierung des Landes. Zu dieser Zeit entstanden die ersten, politisch motivierten Stencils und sehr rasch explodierte die Bewegung.

Heute findet man Stencils fast an jeder Wand. Häufig überlagern sich die Motive – dort wo einer anfängt, gesellt sich bald ein Anderer dazu und so weiter. Hier ein Film zum Thema. Der ist zwar auf spanisch, aber man versteht auch so, worum es geht, wie es geht und was geht. pe

>>> zum Film

SANTOS

 

Von São Paulo aus die nächstgelegene Stadt am Meer, etwa 60 km entfernt. Wichtigste Hafenstadt in Lateinamerika. Da, wo auch unser Container vor einem Jahr angekommen ist. Das heißt, unser Hausstand hat schon 2 Wochen dort verbracht, bevor er zu uns gekommen ist.

 

Vielleicht kommt daher die Sympathie, die wir für Santos haben. Denn wirklich schön ist es dort eigentlich nicht – eher skurril. Es erinnert ein wenig an die belgische Küste – die Uferpromenade wird gesäumt von Hochhäusern damit möglichst viele in der ersten Reihe einen schönen Blick aufs Meer haben können. Witzigerweise sieht das Szenario aus wie wackelige Zähne, denn die Häuser haben aufgrund der schlechten Bodenbeschaffenheit zum Teil eine gehörige Schieflage. In Deutschland würden da Wohnungen evakuiert und Straßen gesperrt, aber in Santos scheint sich niemand wirklich dafür zu interessieren. Das Ein oder Andere Gebäude ist nicht mehr bewohnt, aber das wars denn auch.

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Gestern haben wir auf einer Bootstour neben der tollen Perspektive auf die Backenzahnhäuser auch mal den Hafen von innen heraus gesehen und damit reichlich Containerschiffe die beladen oder gelöscht wurden. Laut Wikipedia hat der Hafen eine Länge von 13 km und die Lagerhallen dort eine Fläche von 500.000 m2! Dazwischen aber auch Favelas die zum Teil bis aufs Wasser gebaut und bei der Ermittlung der Quadratmeterzahl sicher nicht mitgezählt wurden.

Das Ganze untermalt vom Sambasound unseres kleinen Bötchens und unterbrochen vom Kapitän, der sich ab und an genötigt fühlte, die Landschaft zu erklären – nicht dass wir wirklich alles verstanden hätten. Dazu ein paar Dosenbier und 30 °C … abputzen! Herrlich, so ein Tag am Meer.

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Auch herrlich ist der Strand in Santos. Mit etwa 5 km ordentlich lang und tagsüber voller Bikinis und Badehosen. Gegen 17h, wenn es kühler wird verschwindet der sonnenhungrige Brasilianer und macht Platz für den sportlichen Landsmann. Fußballfelder werden im Sand markiert, Fahrräder bilden die Torpfosten und ab gehts. Hier hat schon Pele seine ersten Tore geschossen. Und damit man alles schön sehen kann, wird der Strand von großen Flutlichtanlagen beleuchtet.

In Deutschland würde nun die Zeit der Strandparties anbrechen, Grills würden ausgepackt und so weiter. Aber der Brasilianer ist da nicht so und wenn man nicht nackig sein und sich zeigen kann, isses langweilig. Und „kalt“ geht schon gar nicht! Daher wird der Strand bis auf die Sportler sehr rasch ziemlich menschenleer, die Strandbudenbesitzer packen zusammen und wir hatten noch geradeso Zeit für einen hastigen Caipirinha, bevor uns der Budenbetreiber um die Rückgabe seiner Klappstühle und Gläser gebeten hat. Ja so ist das, es kann nicht immer weitergehen. pe

SOULSAMPA

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April, jetzt gehts los mit den StreetArt-Touren. Morgen ist die Erste mit einem Kollegen von Jo, diese läuft als Test und ich bin gespannt, ob mich Marc-André auseinandernimmt? 😉

Das Ganze wird durch SoulSampa realisiert, die sich vorgenommen haben, die Liebe zu ihrer Stadt, den spannenden Orten und sehenswerten Dingen mit allen Anderen zu teilen – daher Name und Programm, Stadtführungen in kleinen Gruppen zu veranstalten.

IMG_1729Meine Aufgabe ist, wie schon beschrieben, der deutschsprachige Part und ich habe zu Anfang eine Führung durch Vila Madalena und Pinheiros. Dabei geht es hauptsächlich um StreetArt, aber auch um nachhaltige Einrichtungen wie zum Beispiel die Schule Escola do Aprendiz, nachhaltige Architektur und jede Menge Shops und Botecos. Wenn das gut läuft, wird ausgeweitet – insgesamt gibt es etwa 7 Themenschwerpunkte, also viel zu tun. 😉

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Arte da Vila. An diesem Wochenende vor zwei Wochen hatten alle Galerien in Vila Madalena geöffnet und es gab zig Veranstaltungen drumherum, so auch eine StreetArtTour von SoulSampa, die Ya!, selber StreetArt-Künstlerin und ein wandelndes Lexikon in Sachen Graffiti, geleitet hat. Ya! erzählt über Paulo ITO, einen Graffitikünstler, der nur Frauen malt, Leandro von SoulSampa spricht über die Tour und’s Peti ist auch dabei. 😉 pe

BRASILIA

Regierungssitz Brasiliens, 2 Mio Einwohner, davon 10% Beamte und Angestellte – die Stadt mit dem höchsten Pro-Kopf Einkommen Brasiliens. Einerseits. Eine in Beton gegossene Stadtvision, die einzige futuristisch anmutende Hauptstadt der Erde, Weltkulturerbe der UNESCO und Lebenswerk Oscar Niemeyers. Andererseits.

Zweiteres war unser Grund, die Ostertage dort zu verbringen. Natürlich nicht in irgendeinem Hotel, sondern in einem Gebäude, das auch von Niemeyer geplant wurde und heute noch den Charme der 60er hat.

Ende der 50er Jahre gab der damalige Präsident Juscelino Kubitschek den Startschuß, den Regierungssitz Brasiliens weg von Rio de Janeiro hin zu einer neu zu schaffenden Hauptstadt zu legen. Der Plan dafür war schon lange vorgesehen, auch stand der Name Brasilia bereits fest. Gefunden wurde eine Region in der Mitte Brasiliens, die perfekt für das Vorhaben war: Hochplateau, klimatisch gute Bedingungen und eben eine riesiges, freistehendes Areal von 5814 qkm.

Die Stadtplanung und Architektur wurde ausgeschreiben, den Zuschlag bekamen Lúcio Costa als Planer, Oscar Niemeyer als Architekt und Roberto Burle Marx als Landschaftsplaner – also das Dreigestirn brasilianischer Baukunst. Gemeinsam entwickelten sie den Plano Piloto, der sich wie folgt darstellt:

Von oben hat die Stadt einen Grundriß wie ein Flugzeug, das an einem See zum Halten gekommen ist – kurz vor dem Präsidentenpalast, der direkt am See liegt. Die Zentralachse, der Eixo Monumental entspricht dem Rumpf und ist ungefähr zwei Sportplätze breit und 6 km lang. Ganz vorn (quasi im Cockpit) befinden sich die Regierungsgebäude – im Mittelpunkt der Nationalkongreß, von dort aus der Blick auf die drei Säulen des Staates: Judikative, Legislative und Exekutive – jeweils in einem freistehenden Gebäude untergebracht. Der gesamte Komplex ist durch offene Blickachsen verbunden.

Dann dem Rumpf entlang (Passagierkabine) die Ministerien – alle hintereinander aufgereiht. Am Schnittpunkt zu den beiden Tragflächen, dem Eixo Rodovário, die Gebäude für die Öffentlichkeit wie Catedral Metropolitana, Nationalbilbliothek und Theater. Die „Tragflächen“ sind für Wohngebäude, Einkaufszentren, Restaurants etc. Im hinteren Teil Sportstätten, der zentrale Park und die Gedenkstätte für Kubitschek, ganz hinten der Militärbezirk.

In Brasilia gibt es keine Straßennamen, sondern Blocos, wie zum Beispiel SCN Q 02 – Sector Comercial Norte, Quadra 02. Fußgänger waren und sind überhaupt nicht vorgesehen, die Stadt soll mit dem Auto befahren werden. Das haben wir als Fußgänger gemerkt 😉 Die Wege von A nach B sind irre weit – also Empfehlung: Leihwagen!

Die Stadt wirkt wie ein sozialistisches Manifest und erinnert an Trabantenstädte, die man aus dem Ostblock kennt – alles aus Beton, perfekt strukturiert und mit gewaltigen Freiflächen. Nur das Brasilia besser ist, was vor allem an der Architektur liegt. Wenn man sich vorstellt, dass alles in den 60ern entstanden ist und auch heute noch unschlagbar in Sachen Futurismus ist?

Sehr spooky ist der Militärbezirk mit der Avenida do Exército, einer 6spurigen Straße, die für Paraden während der Militärdiktatur genutzt wurde. Auch dort stehen zwei Niemeyer-Gebäude, ein Theater und eine muschelförmige, offene Konzerthalle. Wir waren fast die einzigen Besucher dort und fühlten uns ziemlich verloren in der Weite des Geländes und mit der Vorstellung, was dort vor 30 Jahren abgegangen sein muß.

Superschade war, dass einige Gebäude und Museen geschlossen waren – schluchz! Wir konnten leider nicht die Catedral Metropolitana besichtigen und eine Kerze dort anzünden, wie ich geschrieben habe, weil die DOOFEN Brasilianer nicht auf ihre Bauwerke achtgeben und jetzt kurz vor dem 50ten Geburtstag und der damit verbundenen Party am 21. April noch schnell alles renovieren müssen, damit’s dann hübsch aussieht! Heisst wohl, wir sollen nochmal wiederkommen 😉 pe

CARNAVAL

Ihr seht schon – det hab ick mit C und A geschrieben – machen die hier so (Den Rest, also wie man das nennt, was in der Folha de S.P. so plakativ abgedruckt ist, lerne ich gerade – daher die wilde Beschriftung!) Aber nicht nur die Schreibweise von Karneval ist anders, eigentlich ist hier alles anders bis aufs Bier trinken, Singen, Tanzen und Knutschen – letzteres wohl besonders in Rio sehr ausgiebig, wie auf Spiegel online zu lesen war.

>>> Artikel


K: 6 Tage / SP: 2 Wochen
Der Brasilianer kann es wohl nicht abwarten, bis Karneval anfängt und deswegen beginnt er einfach etwas früher ;-). Etwa 2 Wochen lang gibt es die Paraden der Blocos in den Stadtvierteln. Das sind Gruppen mit Trommlern und Tänzern, die jedes Jahr einen anderen Song einstudieren und den bis zum Ohr auswringen hören. Ist vielleicht so ’ne Trance-Geschichte aus Afrika? Zufällig sind wir in Vila Madaleina in eine solche Parade geraten. War so lustig, dass wir einen Tag später die Vorbereitung der Banda Redonda angeschaut haben – das ist einer der ältesten Blocos und bezieht seine Mitglieder hauptsächlich aus dem Theater-Umfeld – entsprechend waren die Besucher – von total normal bis zigfach operierter Transe war eigentlich alles dabei. Hier die Filme. Achtung: die Soundqualität ist ziemlich lausig – einfach drüber hinweghören!

K: 1 Motto / SP: zig Motti
Neben den Blocos gibt es die großen Sambaschulen der Stadt, die ihre Parade im Sambodromo veranstalten. Für jedes Jahr überlegt sich die Schule ein Motto, welches möglichst sponsorentauglich sein sollte, um finanzielle Unterstützung der Werbeindustrie zu erhalten. Jedoch Obacht – Sponsor und Motto sollten nicht zu ähnlich klingen, sonst gibt es Abmahnung oder Verbot. Wie dieses Jahr: Die Schule Rosas de Ouro (goldene Rosen) hatte sich für das Motto Kakao entschieden und als Sponsor die bekannte brasilianische Schokokette CacaoShow ergattert. Oder war es umgekehrt – die Schule ist 7-facher Champion ??? Jedenfalls hieß das offizielle Motto Cacao & Show … und abputzen … die mussten neu ran! Daraus wurde dann: O Cacau é Show“ (Der Kakao ist eine Show!) Naja, auch sehr ähnlich … aber der Brasilianer ist das ja nicht soooo und die durften starten! Die Schule hat übrigens wieder gewonnen. Leider haben wir dieses Jahr keine Karten für das Sambodromo gehabt, aber mit etwas Glück können wir uns morgen die Desfile dos Campeões, also die Parade der Gewinner dort anschauen. Werde berichten!

K: -5 °C / SP: 35 °C
Logisch, dass da die Kostümwahl etwas anders ausfällt. Rechts das Kostüm der Sambakönigin Viviane Araúju aus Rio. Da waren im Vorfeld viel Fleißarbeit im Studio und sicher einige „Abnäher“ von Nöten 😉 … aber gelohnt hat es sich! Die Dame ist bekannt für ihre Rückseite.

K: deutsches Liedgut / SP: Samba
Das Mitsingen ist unheimlich wichtig – das sind sich die Kölner und Brasilianer total einig. Und so, wie in Köln jeder den Text kennt, ist das auch hier. Es gibt die traditionellen Samba-Carnaval-Songs, aber wohl auch Neues. Aber so oder so – wir hatten da Auszeit. Und haben heimlich: „In d’r kaygass numero noll“ mitgesummt … vielleicht macht mal einer eine brasilianische Variante?! 😉

K: Wie war es denn bei euch?
Gab es dieses Jahr Glühwein statt Kölsch? Wurden die bösen, bösen Heizpilze doch wieder ausgepackt? Hat man wirklich das Rauchverbot gelockert? Wie lief das denn mit den dicken Klamotten in den Kneipen, bzw. von -5°C bis um die 30°C??? Das stell ich mir wirklich schwierig vor. Und was hattet ihr an? Bin sehr neugierig und hatte am Donnerstag ganz schlimm Heimweh nach Köln – da ist nämlich der Karneval immer noch am schönsten !!! 🙂 pe

JAHR DES TIGERS

Am 14ten Februar beginnt offiziell das Jahr des Tigers laut chinesischem Kalender. Aber der asiatisch-stämmige Brasilianer ist da ja nicht sooooo, daher wurde das Ganze hier am letzten Samstag und Sonntag gefeiert. Ort des Geschehens: der Stadtteil Liberdade in der Nähe des Centros.

Liberdade ist das kulturelle Zentrum der größten Ansiedlung von Japanern außerhalb Japans und der Einfluß asiatischer Kultur ist überall in São Paulo spürbar. Es hält sich das geflügelte Wort: „Willst du in São Paulo einen Studienplatz haben, musst du erst einmal einen Japaner um die Ecke bringen.“ Ja, so ist das hier! Aber das Asiatische hat natürlich eine – auch für künftige Studenten – angenehme Seite:  japanische Restaurants mit einem guten Preis-Leistungsverhältnis gibt es fast an jeder Ecke. Wir stehen besondes auf Rodizio – das bedeutet, du zahlst etwa 45 RS (18 Euro) und hast dafür „All you can eat“, zum Beispiel: gebratene Pilze (Shimeiji), Frühlingsröllchen, Temaki, Misosuppe, Lachshaut, Tempura, warme und kalte Nigiri, Californias, Sashimi usw. … hmmm, üppige und feine Sache!

Einen Teil dieser Köstlichkeiten gab es auch am Sonntag, als wir das Neujahrsfest besucht haben. Auf dem Praça da Liberdade waren, wie jedes Wochenende, jede Menge kleiner Stände aufgebaut mit allem Möglichen an Firlefanz und Gedöns – von billig-Asia-Schrott bis hin zu durchaus Brauchbarem, wie zum Beispiel Kochgeschirr aus Bambus. Den Markt säumen zig Asialäden mit einer sehr guten Auswahl. Dort versorge ich mich immer, wenn es mal wieder eine Thom Kha Gai oder ähnliches geben soll – KnickKnack 😉

Anpfiff war um 13 Uhr, dann nämlich, als eine kleine Parade mit Drachen und Kriegskunstdarbietungen (KungFu und wie sie alle heißen) die Vorbereitung zum Countdown und Neujahrs-Feuerwerk gegeben haben, das pünktlich um 14 Uhr abgeschossen wurde. Na ja, am hellichten Tag … aber geknallt hats fein 😀 Warum das allerdings nötig war, wenn der Tiger erst am 14ten seine Krallen schärft, weiß ich nicht.

Appropos Tiger: hier was uns 2010 erwartet:

Während das Jahr 2009 vom trägen Büffel dominiert wurde, der Zähigkeit, Disziplin und Geduld verlangt, sprüht das Jahr des Metall Tigers nur so vor Energie und Abenteuerlust. Entsprechend unruhig werden die Zeiten sein, die da auf uns zukommen. So manche emotionale Achterbahnfahrt ist zu erwarten und so manche riskante Transaktion wird uns in Aufregung versetzen. Aber wer mit Risikofreude ausgestattet ist und turbulente Abwechslung liebt, wird das Jahr des Tigers schätzen. Zum Mut und der Verwegenheit des Tigers gesellt sich noch die Schärfe des Elements „Metall“, was die Unruhe unterstreicht und ihr eine heftige Note verleiht. Sturm ist also angesagt! Es kann durchaus zu radikalen Entscheidungen kommen, im positiven Sinne zu mutig entschlossenem Durchgreifen und Umsetzen. War 2009 ein gefühlter Monsun ist 2010 ein schneidender Polarwind.

Na denn, warm anziehen! Aber das müsst ihr in Deutschland ja gerade sowieso … ähmm Räusper sorry 😉 pe

NITERÓI CONTEMPORARY ART MUSEUM

Vielleicht sollte ich in diesem Blog eine neue Kategorie für den Herrn Niemeyer eröffnen??? YEP! Jedenfalls bleibt euch nun auch nicht ein Blick auf das nächste tolle Bauwerk dieses Mannes erspart ;-): Auf das 1996 fertiggestellte Ufo – Landeplatz in Niterói – also gegenüberliegende Bucht von Rio.

In diesem Gebäude befindet sich das Museum of Contemporary Art. Die Kunst, die in diesem Museum ausgestellt wird, hat leider ein riesen Problem, denn sie muß mit der Architektur konkurrieren. Daher kann ich euch nur sagen, dass wir auch eine Fotodokumentation über die Architektur in Le Havre gesehen haben – hat sich gelohnt – an die anderen Exponate kann ich mich nicht mehr erinnern. Hmmm….?

Viel spannender ist es, sich einfach im Gebäude zu bewegen und die Architektur wirken zu lassen. Durch die Anordnung der Fenster und der dadurch gewonnenen Ausblicke, wird die Natur und die Küste um Niterói bis nach Rio, selbst zum Ausstellungsgegenstand. Die Beleuchtung verleiht dem Innenraum etwas futuristisches und immer wieder gibt es neue Blickwinkel auf Rundungen, Treppen, eingezogene Wände und Durchlässe, die in sich selbst abstrakte Kunst sein könnten.

Was soll ich noch schreiben – schaut selbst. pe

 

FAVELA ROCINHA

Rocinha ist eine der größten Favelas an einem Berghang im Süden von Rio. Offiziell leben dort ca. 60.000 Menschen – inoffiziell mittlerweile um die 200.000. Passiert man den Eingang von Rocinha, gibt es eine sehr praktische Möglichkeit, über die einzige ausgebaute Straße in die Favela – oder besser ans Dach der Favela – zu gelangen. Man lässt sich von einem Motorboy hochfahren.

So war es auch bei unserer Tour. Morgens hat unser Guide die Leute in verschiedenen Hotels eingesammelt und dann fuhren wir mit dem Bus in den Süden. Unterwegs gab es schon die ersten do’s and don’ts:
1. Keine Fotos im ersten Teil der Tour.
2. Wenn der Guide einen Hinweis gibt, zur Seite treten und die Personen vorbeilassen.
3. Den Leuten nicht offensiv ins Gesicht schauen – könnte provozieren.

Nach der wilden Fahrt mit dem Motorboy, gings direkt rein ins Gewühl. Die Favela ist eine gewaltige Ansammlung von Hütten, teilweise aus Stein, teilweise aus „Grmpf“ und es gibt insgesamt 4 Wege, die den Hang hinab führen. Unsere Route war Rua No. 1.

Der Weg war abenteurlich: klein und gedrungen, irre viele Treppen, Berge von Müll und Verwesung an den Seiten und zwischendurch immer wieder kleiner Shops und Läden. Stromleitungen überall und natürlich wild angezapft. Genauso wie das Wasser, das aus dem Berg kommt und  ich weiß nicht auf welchen Wegen in die Häuser gelangt. Über die Kanalisation kann ich nur sagen: Es gibt sie wohl nicht. Wie also die Abwässer ins Tal gelangen … hmmm … ich hatte Flipflops an und kann Vermutungen anstellen.

Wir sind vielen Menschen begegnet – auch welchen, die Waffen getragen haben. Dennoch habe ich mich dort nicht unsicher oder gefährdet gefühlt. Im Kleinen wird in den Häusern und Läden sehr wohl Ordnung und Struktur erzeugt. Laut Guide leben die Leute „ganz normal“.

Wir haben einige Einrichtungen besucht: Das Atelier dreier Künstler, die auch online ihre Bilder vertreiben. Straßenverkäufer, die ihre selbstgemalten Bilder und Schmuck angeboten haben. Ein kleines Geschäft, indem wir Kuchen und anderen Süßkram kaufen und uns mit Getränken versorgen konnten. Und last but not least eine Kinderstation, wo Waisen versorgt werden bzw. Mütter Rat und Hilfe finden können.

Also im Inneren läuft das – es gibt sogar Internetanschlüsse und die Gesamtversorgung für alles, was man so alltäglich brauchen kann, ist gegeben – Banken, Friseure, Shops aller Art, Kirchen etc.

Dennoch: So viel Dreck und Müll, der einfach an den Hängen liegen bleibt. So viel Gestank – den Geruch werde ich immer erinnern können. So viel Baufälligkeit und Chaos, das es schwer zu glauben ist, dass Menschen dort leben können. Ein Ergebnis dieser Umstände ist die hohe Tuberkuloserate.

Was sehr spooky war: Als Touristengruppe den Menschen bei ihrem Leben zuzuschauen. Und umgekehrt. Das hat etwas Unangenehmes von Zoo und ich habe mir immer wieder versichert, dass es ok ist, denn die Einrichtungen brauchen das Geld, dass die Touristen da lassen. Am Tag besuchen etwa 4-6 Gruppen die Favela. Alle gehen die Rua No.1, so dass wir davon ausgehen, dass die Route sicher ist. Denn, wenn einem Touristen dort etwas zustossen würde, wärs vorbei mit den Besuchen und den damit verbundenen Einnahmen.

Puuuh, die Tour war heftig. Wenn ich mir vorstelle, dass in Rio etwa ein Drittel der Menschen in diesen Umständen lebt wundert mich kaum, dass die Kriminalitätsrate so enorm ist. Die Favelas werden von der Drogenmafia kontrolliert – das Kartell in Rocinha ist ADA (Amigos dos Amigos – Freunde der Freunde). Zur Kenntlichmachung der Machtverhältnisse wird das Kürzel an die Türen und Straßen gesprüht. Die Gang sorgt dafür, dass die Poliziei draussen bleibt, denn sie stört nur bei der Abwicklung der Deals. Gleichzeitig kümmert sie sich aber auch um die Favela und sorgt für sanitäre Einrichtungen etc. Nahezu jeder, der in Rocinha lebt, hat mehr oder weniger mit der ADA zu tun. Selbst schon die Kleinen, die, wann immer eine Touristengruppe durch die Favela geht, Drachen als Warnung für alle steigen lassen, jetzt vorsichtig zu sein. pe

Text Bild oben (Kinderstation der Favela):
Danke! Wir sind zusammen im Auftrag, die Welt durch Liebe umzuwandeln.

 

RIO DE JANEIRO

Seit einer geschlagenen Stunde versuche ich bereits, Rio zu beschreiben. Und ich finde nicht die richtigen Worte, ohne mich in Platidüden zu ergehen. Das einzige Wort, das immer wieder in mein Hirn zurückkommt ist Energie 😀 Ich glaube, das ist das Besondere dort. Die Energie packt dich sofort und lässt alles easy werden, auch wenn es nicht wirklich easy ist – Armut begegnet einem auf jedem Schritt.

Aber wenn dann die Sonne scheint und alles in Bikini und Badehose an den Strand pilgert, um nach einem Tag voller Hitze und Samba sonnendurchströmt in der nächsten Bar bei Bier oder Caipirinha den Tag ausklingen zu lassen, ist das einfach Lebensfreude at its best.

So haben wir uns in den 5 Tagen in Rio einfach durch die Stadt treiben lassen. Die wichtigsten Sightseeingpoints sind auf den nächsten Besuch verschoben, denn zur Hauptreisezeit bedeutet eine Fahrt mit der Bahn auf den Corcovado etwa 2 Stunden Wartezeit – beim Pão de Açúcar ist das ähnlich.

Also ich kann euch nur empfehlen, selber mal hinzureisen (Natürlich mit StopOver in São Paulo ;-)). Am Besten im Herbst oder Frühjahr, denn das ist die optimale Zeit für Rio, weil es dann nicht ganz so heiß und relativ leer ist. Wir hatten jetzt im Schnitt um die 35 Grad (im Schatten) – das ist eine Ansage für sensible helle Haut. Und wenn ihr nach Rio kommt, leiht euch unbedingt Fahrräder aus. Die Küstenlinie ist mit super Radwegen ausgebaut und die Stadt auf diese Weise zu erkunden ist extrem gut! pe

ZWISCHEN DEN JAHREN

Auch wenn sich in diesem Jahr bei uns nicht so richtige Weihnachtsstimmung verbreitet hat, durfte der Weihnachtsspaziergang nicht ausfallen. Dies also geschehen am 1. Weihnachtsfeiertag – ein bißchen auch aus der Not eine Tugend, da das Auto am Morgen nahezu übergekocht ist und wir nur mit Müh und mit viel Wasser nachfüllen nach Hause gekommen sind.

Von Erzählungen wussten wir bereits, dass die Stadt zwischen den Jahren extrem leer sein soll, weil der Paulistano gerne die freie Zeit nutzt, um ans Meer zu fahren. Dennoch konnten wir kaum glauben wie leer leer ist. Als Beispiel hier die Avenida Brazil um 10 Uhr morgens – eine der großen Schneisen durch die Stadt und normalerweise um diese Zeit kein Durchkommen – auf 2 x 4 Spuren Stau!

Das Ziel unseres Spaziergangs am Nachmittag war der Ibirapueira-Park mit dem alljährlichen Weihnachtsbaum. Den hatten wir bereits ab September in der Aufbauphase wahrgenommen und uns immer gewundert, was die Tribüne an der Straße soll: Bis wir dann eines besseren belehrt wurden – keine Tribüne, sondern ein Baum. Aha!

Bei Tag würde man sagen: Groß! Und Nett! Aber der wirkliche Kick erschließt sich erst, wenn es dunkel ist: Das Ding rockt!

Den Film haben wir vom Dach des Hotel Unique aufgenommen. Hatte ja bereits erzählt, dass dieser Ort ziemlich großartig ist und somit war es naheliegend – im wahrsten Sinne des Wortes – nach dem Park schnell um die Ecke und dorthin zu huschen um ein-zwei … Caipirinha zu trinken und somit dem Sunset zu frönen! So ein Sunset kann ja sehr lange dauern 😉

So ihr Lieben, dies ist der letzte Blog für dieses Jahr! Wir ziehen uns jetzt gleich was Weißes an (macht man an Silvester angeblich hier so?) und schauen, wie man in São Paulo den Jahreswechsel feiert. In zwei Tagen sind wir dann auch raus und fahren nach Rio und ans Meer, so dass es bis zum nächsten Eintrag etwas dauern wird!

Euch wünschen wir einen famosen Rutsch ins neue Jahr und alles Gute für 2010! pejo

ULTIMO ADÉUS

Andere Länder, andere Sitten. Das gilt auch für Begräbnisstätten und daher lohnt es sich ja immer, im Urlaub auch mal einen Friedhof zu inspizieren – abgesehen davon, dass es dort meistens ruhig und friedlich zugeht.

Also wir auf den Cemitério São Paulo in Pinheiros direkt umme Ecke und mal gucken, wie der Brasilianer so begräbt. Mein lieber Scholli! Ganz schön heißblütig, die Herren Steinmetze! Da kann das mit der Besinnung ja durchaus in eine andere Richtung gehen.

Es sind wunderschöne Skulpturen zu sehen, wie die meistbesprochene São Paulos, das Ultimo Adéus von Alfredo Oliani (siehe oben). Die Einen sehen darin ein wunderbares Beispiel der ästhetischen Erotik, die Anderen empfinden es als Missbrauch der Grabeskunst. Uns gefällt’s! pe

PARANAPIACABA

 

Kann man leichter aussprechen, wenn man hinter Parana eine kleine Pause einlegt und dann Piacaba anschließt. Übrigens auch ein prima Wort mit sechs A’s für vertrackte Scrabble-Buchstabenklötzchen-Kombinationen. Aber eigentlich gehts ja um etwas ganz anderes!

Nämlich um unseren chicen Allerheiligenausflug gemeinsam mit Kollegen von Jo in die Serra do Mar, also in das Gebirge zwischen São Paulo und Santos, wo es nur so wimmelt von Regenwald. Dort wurde 1860 im Zuge der Industralisierung von einer britischen Gesellschaft, die es zur São Paulo Railway-Company gebracht hat, eine Bahnlinie als Verbindung zwischen Santos und São Paulo gebaut. Haltepunkt und Umladeplatz war das strategische perfekt gelegene kleine Örtchen Paranapiacaba mitten in der Serra.

Auf „Indio“ heißt der Ort: Platz um das Meer zu sehen –  nicht ohne Grund, denn eine tiefe Schneise am Ortsausgang bietet, sofern es keinen Nebel gibt, eine perfekte Sicht über das Küstengebirge Richtung Santos. Aber da haben wir den Salat: Es gibt nie „keinen Nebel“, denn durch die Schneise steigt der Nebel wie durch einen Kanal, konzentriert und strudelig in den Ort auf. Das hat eine ganz eigentümliche Stimmung zur Folge: Sonne, Nebelschwaden, spontaner Wechsel von hell zu dunkel, von warm zu kalt usw. – also perfekt, wenn man plant, Depression zu bekommen.

Und sehr spooky. Man hat das Gefühl – und nicht nur wegen des Nebels – im London Mitte des 19 Jhd. zu sein. Die Gebäude der Arbeiter sind nach britischem Vorbild erbaut: Dunkelrote Holzhäuser mit kleinen Vorgärten, rechtwinklige Straßen mit breiten Hauptachsen und schmalen Nebenwegen, Haustypen für die verschiedenen Schichten – Typ A für die Fremdarbeiter, Typ C für den Chefingenieuer, Clubhaus, Markthalle usw. Das Skurrilste ist allerdings der große Bahnhofsuhrturm zwischen den Gleisen – nur „Big Ben“ genannt.

Aufgrund seiner Eigentümlichkeit und Schönheit ist der Ort  zum Landeserbe erklärt worden und schickt sich derzeit an, in die Liste des UNESCO Welterbes aufgenommen zu werden. Für den Bereich Industrialisierung/Eisenbahn.

Wir werden den Ort auf jeden Fall noch einmal besuchen, denn wir haben noch nicht sooo viel gesehen und man MUSS eigentlich mit der Eisenbahn dorthin fahren. Eine direkte Linie gibt es allerdings erst ab Mitte November – daher wars diesmal das Auto – natürlich, wie hier üblich, mit einem feinen Stau der uns, gemeinsam mit einer analphabetischen Aushilfskellnerin um das Vergnügen gebracht hat, eine ausgedehnte Wanderung nebst Besichtigung zu unternehmen. pe

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EMBU

Embu ist ein kleines Städtchen in der Nähe von São Paulo. Dort haben sich Künstler, Kunstgewerbetreibende und eine Art Antiquitätenhändler niedergelassen. Am Wochenende ist Markt und dann geht da ordentlich die Post ab, denn neben den Paulistas, die dort allen möglichen Schnickschnack fürs Heim erwerben, ist Embu auch eine feine Touristenattraktion.

Wir haben uns diesmal Möbel angesehen und da gibts schöne Sachen für wenig Geld – zumindest wenn man das mit Deutschland vergleicht. Richtige Antiquitäten findet man dort warscheinlich nicht, aber die Möbel werden auf alt getrimmt, indem die Hölzer angeschliffen, mit Farbe bemalt und dann wieder abgeschliffen werden. Das verschiedene Male mit verschiedenen Farben und schon hats einen scheinbar alten, verwitterten Schrank, Stuhl oder Tisch. Hört sich vielleicht merkwürdig an, aber die Sachen haben was und da wir noch einen Tisch (etc.) brauchen … 😉

Richtig heftig ist allerdings der „Landhausstil“ à la Ponderosa oder so ähnlich. Wagenräder, schiefe Balken und fette Stämme in dunkel und massiv werden zu Sesseln oder Schränken verarbeitet. Keinen davon kann man einen Millimeter bewegen – also wenn’s steht, stehts. Aber die Brasilianer scheinen das toll zu finden. Hmmm?

Tinnef musste aber neben all dem Möbelgucken trotzdem her. Here we proudly present: Elsa!

Keine Ahnung, warum Perlhühner hier als Aufsteller chic sind – muß ich mal recherchieren – aber wir konnten auch nicht ohne 😉 pe

TAG AM SEE

 

Wir wollen ja nicht in Interlagos wohnen, aber so ein Tag am See: bitte gerne! Man kann dort Boote mieten und sich eine Weile über den See tuckern lassen. In der Mitte des Sees gibt es eine kleine Insel: Isla de Makakas, auf der wilde Affen leben. Die kleine Insel darf nicht betreten werden, weil Naturschutz, aber die Bootsführer haben ihre Tricks, um die Affen anzulocken. Füttern dann wohl zeitweise inklusive, obwohl man ja nicht auf die Insel darf … Ähm???

Wir haben auch tatsächlich einen Affen gesehen – siehe Jo’s Suchbild: „Doch, da is einer drauf!“ Yep, is auch einer drauf! 😉 Dazu: Wir haben eine neue Kamera weil Frau Bähner, die Königin im Sachen verlegen, letzte Woche in einem Taxi die Kamera „verlegt“ hat. Dieses Mal wird die Kamera wohl nicht wie von Zauberhand zurückkommen, wie diverse andere Gegenstände – Räusper – daher hats jetzt eine Neue mit verstecktem Zoom ;-)!

Wirklich bemerkenswert war die Skyline von São Paulo ganz weit hinten. Die Stadt ist schon irre! pe


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TAG AM MEER

Eigentlich waren es drei, aber der Samstag letzter Woche gilt! Wegen des schönen Wetters. Und des Strandes! Von São Paulo fährt man etwa 2-3 Stunden zu den ersten schönen Stränden. Davor ist es doof, weil die Küste um Santos herum zwar eigentlich schön, aber voller chemischer Industrieanlagen ist! Und der Brasilianer hat es mit dem Umweltschutz ja nicht sooooo!

Wir haben einen der „Bähner-Spots“ aufgesucht – so nennt Jo immer die Orte, die ich schon von meinen vorherigen Besuchen kenne und ihm unbedingt zeigen muß – und waren in Jureia und Juquehi. Ich brauche diese Déjà-Vu’s und stehe dann immer vollkommen fasziniert an den Orten und muß ständig sagen: Ich hätte ja nieeee, geglaubt, dass ich hier nochmal hinkomme. Jo kann das übrigens lippensynchron 😉

Auf dem Weg dorthin haben wir die eigentlich Schnellspurtstrecke Rua dos Imigrantes verpeilt und sind auf der Rua Anchieta gelandet. Eigentlich tun sich die beiden Straßen nix, die Anchieta ist sogar schöner gelegen, aber dort quält sich der Fernverkehr die Serpentinen herunter während man auf der anderen chic und dreispurig mit 120 ans Meer brettern kann. Um ans Meer zu kommen, muß man über ein Bergmassiv. Dieses ist gleichzeitig auch die Wetterscheide und das quasi via An-und Ausschalter. Echt abgefahren – du fährst bei schönster Sonne – vor dir wirds neblig – knipps biste in der dicksten Suppe und hast  fortan und am Meer schlechtes Wetter, währende in S.P. die Sonne scheint.

Na ja, aber dafür hatten wir ja den Samstag! Ich möchte nicht klagen, aber der Sand überall, ständig eincremen – Nein :-): SONNE! STRAND! LECKER  PLATZ MIT LIEGE! LECKER WELLEN – HOHE WELLEN – SEHR HOHE WELLEN! LECKER CAIPIRINHA! LECKER  WELLENREITER/INNEN! LECKER GLOTZEN! ALLES GROSSARTIG!

Sonntags dann wieder eher trübes Wetter, Daher haben wir uns Rädschn geliehen, die besser funktioniert haben, als sie aussahen, und sind über Schlammpisten orteweise an der Küste weitergefahren. Das war schon ein bißchen Urwaldfeeling und das zurecht – die Wälder dort gehören zum Mata Atlântica, dem atlantischen Regenwald, der sich die gesamt Ostküste hochzieht und heute zum Teil unter UNESCO-Schutz steht.

Nachmittags zurück ins Städtchen S.P. und natürlich unbedingt via Imigrantes. Daraus wurde dann Landstraße, weil die Stimme von Otto – unserem elektronischen Zurechtfinder „der hat ja keine Ahnung“ nix galt und Monsieur Klein seiner inneren Stimme – sprich Eingebung gefolgt. Kommt schon mal vor. Und ist ja schön- so eine Landpartie von 250 km 🙂 Bis auf den Stau. Und die Polizeikontrollen.

Uns haben sie 2x kontrolliert, aber nix beanstandet. Dennoch – da geht schon ordentlich der Puls, weil man ja nie weiß, ob die Jungs gute Laune und „schon ausreichend nebenher verdient haben“, wie böse Zungen behaupten. Außerdem sehen die wirklich gefährlich aus: blaues Hemd, schwarze Weste, schwer bewaffnet, schwarze Hose, hohe Lederstiefel, Helm, dicke Brille –  Militärpolizei. Angeblich gibt es kein Pardon, wenn etwas nicht stimmt, man kann aber wohl verhandeln … trotzdem: besser den aufgefüllten Feuerlöscher unterm Sitz und auf jeden Fall alle Papiere dabei haben. Und freundlich sein! Aber das ist nach einem Wochenende am Meer ja nicht soooo das Problem 🙂 pe

PAULISTA VON OBEN

Höher gehts nicht in São Paulo, es sei denn, man besteigt den Helikopter. Das ist die Avenida Paulista: Bankenmeile und höchste Stelle der Stadt. Die Straße ist wie eine Schneise und teilt die Stadt nicht nur geographisch, sondern auch sozial: Auf der einen Seite Jardins mit seinen Villenvierteln, auf der anderen Seite gehts runter ins Centro. Die großen Masten auf den Dächern sind nachts zum Teil in quitschbunten Farben beleuchtet und von weither sichtbar. pe

CENTRO


Sonntag: Unser erster Trip in die Altstadt von São Paulo. Hier prallen Welten aufeinander. Es gibt wunderbare Gebäude aus dem Ende des 19.Jh, die zum Teil renoviert sind, leider aber größtenteils verfallen. Ansonsten wird das Stadtbild von mehr oder weniger tristen und heruntergekommenen Hochhäusern geprägt. Die Altstadt muß einmal sehr schön gewesen sein, doch das kann man jetzt nur noch ahnen.

Leider ist es auch nicht ganz ohne, die Altstadt zu besuchen, da hier die Kriminalität sehr hoch ist. Daher hat uns Christian, ein Kollege von Jo begleitet, der sich gut auskennt, da er schon lange in São Paulo lebt. So wusste er auch, wo es gefährlich ist und man besser nicht aus dem Auto steigt und wo man relativ sicher herumlaufen kann.

Wir haben den Complexo Cultural Estaçao Júlio Prestes besucht. Zentrum ist der alte Bahnhof der Stadt Estação da Luz. Im Bahnhof selbst ist es sicher – drumherum wird einem schon mulmig, denn wie warscheinlich auf allen Bahnhöfen dieser Welt versammeln sich dort alle, die Drogen, Geld oder wer weiss was suchen. In der Nähe des Bahnhofes gibt es direkt einen Zweiten. Auch der ist in Betrieb, beherbergt aber zusätzlich einen Konzertsaal, den Sala São Paulo. Merkwürdige Vorstellung, auf der einen Seite des Gebäudes klassische Musik zu hören und auf der anderen Seite das Quitschen der Züge? Aber funktioniert wohl.

Direkt an den Bahnhof schließt sich die Estação Pinacoteca an. Das Gebäude war während der Militärdiktatur (1964-1985) der Ort, an dem Tausende von Menschen verhört und gefoltert wurden. Und verschwunden sind. Daher hat das Gebäude in Brasilien eine traurige Berühmtheit. Dort ist jetzt das Memorial da Resistênca. Die Ausstellung ist sehr bedrückend, da man die Räume wieder so hergerichtet hat, wie sie während der Diktatur benutzt wurden. Man begeht die Zellen der Gefangenen, liest Inschriften auf den Wänden und kann, sofern man portugisisch versteht, Tondokumente von Zeitzeugen hören. Dazu jede Menge Filmmaterial ansehen. Sehr gut gemacht – für uns halt leider kaum zu verstehen, da es keine englische Übersetzung gibt.

Zu dem Complexo Cultural Estaçao Júlio Prestes gehört auch ein Park mit tollem, alten Baumbestand und vielen Skulpturen, der Parque da Luz. Vor einigen Jahren hätte man einen Spaziergang dort warscheinlich nicht überlebt, doch es hat Bemühungen gegeben, den Park wieder sicher zu machen. Es gibt Wachen und so bleibt man relativ geschützt.

An den Park schließt sich die Pinacoteca do Estado an, das älteste Museum der Stadt. Von außen eher eine Ruine, aber innen eine Ausstellungshalle mit beindruckender Architektur. Dort findet man Kunst aus dem Bundesstaat São Paulo, eine Mischung aus Kunst aus dem 19. Jh und der Moderne. Wir hatten nicht viel Zeit, alle Ausstellungen zu sehen, holen das aber sicher bald nach, wenn es „ausnahmsweise“ mal wieder regnet … gerade scheint nämlich die Sonne! 🙂

Gerne hätten wir an unserem ersten Tag im Centro noch mehr angesehen, aber es wurde langsam dunkel und somit Zeit, die Altstadt zu verlassen. Denn bei Dunkelheit wollte auch unser Begleiter lieber im Auto bleiben. pe

>>> Website der Pinacoteca