ÁGUAS DE MARÇO

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Ende März – bei euch beginnt gerade der Frühling, hier in Brasilien ist es genau anders herum. Der Herbst kündigt sich an, der Wind wird langsam kühler, abends braucht man wieder eine Jacke und ich habe die erste Erkältung des Jahres, weil besagte Jacke mehrfach fehlte. 😉

Anders als in den letzten zwei Jahren erlebe ich das Ende des Sommers dieses Jahr viel intensiver, denn es ist unser letzter hier Brasilien. Da mischen sich die ersten sentimentalen Gefühle mit Vorfreude und alles ist ein bißchen durcheinander. In einem solchen Moment bin ich über einen Song gestolpert, den Tom Jobim 1972 geschrieben hat.

In Águas de março (Wasser des März) beschreibt Tom Jobim auf poetische Weise den beginnenden Herbst mit seinen monsunartigen Regenfällen und der sich damit einstellenden Transformation der Natur und im übertragenen Sinne des Lebens. Es gibt auch eine englische Variante des Songs – da ist es der Frühling, der gleiches anrichtet.

Der Liedtext erzählt keine Geschichte, sondern es reiht sich eine Folge von Bildern aneinander, die fast alle mit „é (es ist)“ beginnen. Zum Beispiel: É pau, é pedra, é o fim do caminho, é um resto de toco, é um pouco sozinho /// Es ist ein Stock, es ist ein Stein, es ist das Ende des Wegs, es ist ein Zigarettenstummel, es ist ein bißchen einsam.

Das hört sich natürlich in der Übersetzung nicht so chic an, aber die Texte beider Versionen sind bedeutende Gedichte in Brasilien. Es geht darum, wie all das von reißenden Regenbächen in den Rinnsteinen weggespült wird! Wasser beschreibt Jobim als Symbol für das Versprechen des Lebens. Herrlich! 🙂

Aguas de março wurde 2001 in einer Umfrage der Zeitung Folha São Paulo als bestes brasilianisches Lied aller Zeiten von mehr als 200 Journalisten, Musikern und Künstlern gewählt.

Natürlich haben sich viele Musiker daran versucht. Die wohl beste Version stammt von Tom Jobim im Duett mit Elis Regina, aber mein Liebling ist die Aufnahme von João Gilberto, weil seine samtweiche Stimme soooo schön zur sentimentalen Seite des Liedes passt. Anbei die Links zu beiden Versionen. pe

Tom Jobim & Elis Regina
João Gilberto

CAPOEIRA

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Es kommt nicht häufig vor, dass man auf den Straßen São Paulos zufällig eine Gruppe Capoeira-spielender Menschen trifft, obwohl der Sport ja in Brasilien sehr verbreitet ist, aaaaber am Samstagnachmittag hatten wir dieses Glück. Angezogen von den Klängen eines Berimbau (das Instrument, auf dem die begleitende Musik zum Capoeira gespielt wird … siehe Film weiter unten), sind wir in einem Innenhof gelandet und dort traf man gerade die letzten Vorbereitungen zum Start der Show der Grupo Senzala, São Paulo. Perfekt!

Für diejenigen, die Capoeira nicht kennen: Dies wird als brasilianische Kunstform beschrieben, die Tanz, Spiel und rituelle Kampftechnik miteinander verbindet. Die Wurzeln gehen auf die afrikanischen Sklaven zurück, die diese Sportart in Brasilien entwickelt haben. Seit Mitte des 18ten Jhds ist Capoeira bekannt.

So läufts ab: Gespielt wird Capoeira in der typischen Roda (Runde, Kreis). Alle Teilnehmer stehen im Kreis, an einer Stelle versammeln sich die Berimbau-Spieler. Zwei Capoeiristas treten aus dem Kreis hervor, hocken sich vor die Musiker, geben sich die Hand und dann gehts los. Das Spiel wird mit einem Radschlag eröffnet, dann erfolgt eine Art getanzter Dialog mit Offensiv- und Defensivbewegungen. Wie intensiv der Dialog ausgeführt wird, ob er freundlich oder kämpferisch ist, entscheiden die Beiden selber (und natürlich die körperlichen Fähigkeiten).

Am Ende gibt es keinen Gewinner, sondern der Dialog wird einfach beendet. Möchte ein anderer Capoeirista in das Spiel eingreifen, streckt er einen Arm zwischen die Spielenden und hält die Handfläche demjenigen zugewandt, mit dem er weitermachen möchte. Der Andere zieht sich zurück und das Ganze geht in einer neuen Kombination weiter.

Je nach Fitness kann die Sache eher ruhig verlaufen, aber auch extrem akrobatisch. Dazu anbei ein Film, wo ihr einen Spieler sehen könnt (der mit dem blauen Shirt) der einmal einen ruhigeren Dialog führt … und danch gaaaaanz anders :-). Also wenn ich nicht „Rücken“ hätte, ich hätte mich schon lange in einer Schule angemeldet, so toll finde ich diesen Sport. Seht selber …! pe

 

CHICO BUARQUE

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… einer der Günder des musikalischen Tropicalismo in Brasilien, einer Bewegung, die während des Militärregims in den 60er Jahren entstanden ist und moderne Strömungen in die musikalische und künstlerische Entwicklung des Landes eingebracht hat. Ganz nach dem antropophagischen Manifest von Oswaldo Andrade: Das Fremde nicht abweisen, sondern auffressen! 🙂 Wow, harter Tobak, oder?

Brasilien hatte in den 60ern der unabdinglichen Wunsch, zumindest künstlerisch unabhängig und frei zu werden. Die Künstler haben nach einer – nach augenscheinliche Gesichtspunkten harmlosen verbalen Ausdrucksform gesucht – und dabei höchst kreative Wortschöpfungen gefunden, um den eigentlichen systemkritischen Wortinhalt zu tarnen und dennoch zu transportieren. In der Musik sind die beiden herausragenden Künstler Gilberto Gil und Chico Buarque – beide sind des Landes verwiesen worden und haben ihr Exil in England gefunden.

Nichtsdestrotz trotz findet man in ihren Lyrics sehr viel regim- oder sozialkritischen Ausdruck. Oder gerade deswegen? Ein Lied möchte ich euch hier vorstellen: Construção von Chico Buarque – ’71 entstanden. Hier geht es in erster Linie nicht um Regimkritik, sondern um Sozialkritik, den Selbstmord eines Arbeiters, der sich von einem Gerüst stürzt und an einem normalen Samstag den Verkehr auf der Straße durcheinander bringt – durch sein Ableben auf der Hauptverkehrsader.

Dieser Text ist besonders, denn Chico Buarque verwendet immer die gleichen Worte, um neue Inhalte in den folgenden Textzeilen zu transportieren. Sehr lyrisch – sehr dramatisch – sehr schön! Hier ein Video zum Lied mit der englischen Übersetzung, was das Verständnis etwas leichter macht:

>>> construção

folgt einfach den Text- bzw. Rhythmuszeilen, dann ist es ganz einfach! pe

HEITOR VILLA-LOBOS

Sollte man schon einmal gehört haben, hab ich gehört 😉 … ich als Klassikbanausin kannte ihn nicht, den größten brasilianischen Klassik-Komponisten. Als dann – Besserung gelobt und ins Konzert marschiert. Entre nous: eher, weil das im Auditório stattfand, wo ich doch schon immer mal reinwollte.

Ja, das Konzert war toll! Das städtische Sinfonie-Orchester hat gespielt, mit alle Mann, weil diese Musik ziemlich viel Bumms braucht. Auch toll, wie der Komponist das Brasilien-Gefühl transportiert, den Regenwald, das Gezirpe der Vögel dort usw. Das passende Stück dazu nennt sich Uirapuru – da sagst ja schon allein der Name, was man zu erwarten hat.

Würde er heute die natürlichen Laute Brasiliens in Töne formen, hätte er warscheinlich eher ein Hundegebell-Konzert vertont mit dem Namen: Wauhuhuhuhhhwuff. Ich mag Hunde! Aber ich mag sie nicht, wenn sie im Chor, der eine rechts, der andere vorne, drei weiter links unten alles kommentieren, was über die Straße läuft oder fährt – morgens, mittags, abends, nachts, immer! Aber das nur am Rande.

Das Auditório von innen – hach was soll ich sagen: GEIL! Man hat wirklich das Gefühl, in ein riesen Maul hineinzuspazieren – vorne Niemeyers Zunge, innen Tomie Ohtakes Gaumen. Dann über die geschwungene Speiseröhre ins Innere – den Konzertsaal oder Magen, wo die Geräusche dann letzlich produziert werden – den Darm-Gedanken hatte ich da jetzt nicht ;-). Guckt die Bilder! pe

 

CHORO

choro

Freitagnacht oder Samstagmorgen? … Samstagmorgen 🙂 Eigentlich wollten wir nach Hause fahren, aber im Café gegenüber war noch Musik, offene Türen, zwar keine Gäste aber eine Band. Auf die Frage, ob wir zuhören dürfen gabs ein OK und so haben wir einer Choro (sprich Shoh-Roh)-Probe beigewohnt … tags drauf fand das eigentliche Konzert statt.

Choro, ein alter brasilianischer Musikstil, verbindet in etwa die europäische Polka mit afrikanischen Rhythmen. Hört sich aber ganz anders an 😉 Gespielt wird er immer mit zwei Gitarren, einem Chavaquinho (ähnlich einer Okulele) und einem Pandeiro sprich Tamburin. Dazu kommen dann die Solisten, Klarinetten oder Flöten oder oder. Gesang darf, aber muß nicht! Das Ganze ähnelt einer Jam-Session: es gibt das Repertoire, das alle gemeinsam spielen und dazu kommen Improvisationen.

Soweit die Theorie … hört mal rein! pe

AUDITÓRIO IBIRAPUERA

Könnt ihr euch noch an das weiße, dreieckige Gebäude mit der roten Zunge  im Ibiapueira-Park erinneren. Das ist, wie ich nun weiß, das Auditório Ibirapuera – fürnehmlich für Konzerte oder ähnliche Veranstaltungen. Das Praktische an dem Gebäude ist, dass man es Indoor sowie Outdoor nutzen kann. Outdoor, indem einfach das große, rote Tor auf der Rückseite aufgeschoben wird und die Künstler aus dem Haus heraus in den Park aufspielen. Tolle Sache – toller Occar Niemeyer!

Gestern Abend haben wir dort beim Dunkelwerden Hermeto Pascoal und das Hamilton de Holanda Quinteto gehört (Experimental Brazilian Jazz – sehr sahnig – gibts bei Amazon). Ganz entspannt im Sitzen auf der Wiese mit ’ner Dose vor-Ort-Kaufbier in der Hand. Der Vertrieb läuft da übrigens genauso wie bei uns – ebenso das Wiedereinsammeln der Dosen.

Ach das war sehr schön und in unserem derzeitigen Organisations-und Abwartwahnsinn eine echt Bereicherung! Anbei ein paar Bilder, die glaube ich, ganz ordentlich die Stimmung einfangen. pe

EISENBAHN

Kleiner Nachtrag zum Kölsch: Die Brauerei Eisenbahn hat einen eigenen Song, den ich euch nicht vorenthalten kann. Zum Mitsingen inkl. Text!

Na na na, Eisenbahn…

Cerveja Eisenbahn, das Bier von Blumenau
Das macht uns stark und schmeckt so gut
Cerveja Eisenbahn, das Bier von Blumenau
Tudo mundo gerne trinken tut

Me dá um chopp, um choppe geladinho
Pois este é o melhor remedinho
Bebendo com moderação
Faz bem pra tudo é a nossa tradição

Lá vem a Eisenbahn
Chopp de Blumenau
Cerveja da região
Lá vem a Eisenbahn
Chopp de Blumenau
Tudo bem todo mundo alles blau

Ein Prosit! Ein Prosit, mit Eisenbahn!
Ein Prosit! Ein Prosit, mit Eisenbahn!

Unglaublich 🙂 pe

>>> zum Song: 01 Hino Eisenbahn